Moya Kala im Gespräch: Frauen stärken, Materialien entdecken, Die Modebranche verändern

Mitten auf einer Messe in Kopenhagen, umgeben von Stoffen, Licht und Besucher:innen, nimmt sich Claudine Tanner die Zeit für ein ausführliches Gespräch über ihr Label Moya Kala. Ein Label, das nicht nur minimalistische Ästhetik verfolgt, sondern Mode als Verbindung von Schönheit, Verantwortung und Innovation versteht.
Im Interview erzählt sie, wie ungewöhnliche Materialien entdeckt werden, wie Kollektionen für Moya Kala in enger Zusammenarbeit mit den Näherinnen in Bulgarien entstehen und welche Gedanken hinter jeder Entscheidung stehen. Wir sprechen über die Frauen, die die Kollektionen nähen und Begegnungen, die Claudine und ihre Arbeit geprägt haben.
Wer Lust hat, hinter die Kulissen eines Labels zu blicken, das Ästhetik, Ethik und kreative Experimente miteinander verbindet, sollte genau hier weiterlesen.
Was bedeutet der Name Moya Kala?
„Moya Kala“ ist Bulgarisch und bedeutet „meine Calla-Blume“. Für mich steckt in diesem Namen sehr viel. Die Calla ist eine elegante, schlichte Blume – sie steht für Ästhetik und Minimalismus. Genau das möchten wir auch mit unseren Kollektionen vermitteln.
Gleichzeitig hat die Calla eine sehr berührende Symbolik. Früher galt sie als Trauerblume, heute ist sie oft auf Hochzeiten zu sehen. Diese Wandlung bewegt mich sehr. Sie zeigt, wie Schmerz in Schönheit verwandelt werden kann. Viele Frauen gehen genau diesen Weg – von Selbstzweifeln hin zu Akzeptanz, von Verletzlichkeit hin zu Stärke.
Dass unser Name bulgarisch ist, war eine ganz bewusste Entscheidung. Wir produzieren in Bulgarien und möchten dort Frauen eine Perspektive bieten.
Was war der ausschlaggebende Moment, der dich dazu bewogen hat, Moya Kala zu gründen? Gab es ein persönliches Erlebnis, das dir die Missstände in der Textilindustrie besonders vor Augen geführt hat?
Es war nicht der eine große Moment, sondern eine Entwicklung. Ich habe begonnen, mein eigenes Konsumverhalten zu hinterfragen. Zuerst bei Lebensmitteln, dann Möbeln, irgendwann auch bei Kleidung. Je mehr ich über die Textilindustrie gelesen habe, desto schockierter war ich – über Ausbeutung, über fehlende Transparenz, und über die sozialen Ungerechtigkeiten.
Gleichzeitig habe ich mich intensiv mit Menschenhandel beschäftigt. In der Schweiz habe ich viele Frauen aus Bulgarien kennengelernt, die in ausbeuterischen Situationen wie der Prostitution feststeckten. Viele waren so alt wie ich aber ihre Lebensrealität war völlig anders. Diese Begegnungen haben mich tief berührt. Ich konnte nicht mehr wegschauen.
Ich hatte immer den Wunsch, etwas Eigenes aufzubauen. Etwas, das nicht nur wirtschaftlich, sondern auch menschlich Sinn macht. So entstand die Idee für Moya Kala – ein Label, das fair produziert, echte Beziehungen aufbaut und Frauen stärkt. Heute produzieren wir in Warna, einer Region, aus der viele Frauen in den Westen flüchten, weil es vor Ort an Perspektiven fehlt.

Was bedeutet für dich ethisch produzierte Mode? Jenseits von Zertifikaten und Labels?
Für mich beginnt ethische Mode mit echter Verbindung. Ich kenne die Menschen, die unsere Kleidung nähen. Ich war oft in Bulgarien vor Ort, habe mit den Näherinnen Kaffee getrunken, mit ihnen gelacht, ihre Familien kennengelernt. Diese Nähe ist für mich durch nichts zu ersetzen.
Zertifikate können hilfreich sein, aber sie erzählen nicht die ganze Wahrheit. Sie sind oft teuer und schwer zugänglich – gerade für kleine Labels. Wir investieren dieses Geld lieber direkt in unsere Produktion. Zum Beispiel zahlen wir unseren Näherinnen einen Bonus, der sich am Umsatz orientiert – sozusagen eine Erfolgsbeteiligung.
Für mich bedeutet ethische Mode, dass man hinschaut. Dass man nicht nur das Kleidungsstück sieht, sondern auch die Menschen dahinter.

Wie bleibst du motiviert, wenn dich die Realität der Modeindustrie – wie Ausbeutung oder Umweltzerstörung – besonders frustriert?
Es gibt Tage, da ist es wirklich schwer, nicht den Mut zu verlieren. Die Herausforderungen sind riesig – Plastikmüll, Umweltzerstörung, Menschenrechtsverletzungen. Und dann sehe ich all die Kleidungsstücke, die nie getragen werden, im Müll landen oder im Überfluss produziert werden. Das kann einen schon erschlagen.
Aber ich glaube fest daran, dass wir nicht machtlos sind. Jedes Mal, wenn jemand bewusst einkauft, macht das einen Unterschied. Unser Geldbeutel ist unsere Stimme. Mit jedem Kauf entscheiden wir, welches System wir unterstützen.
Was mich motiviert, ist die Vorstellung, dass wir gemeinsam etwas verändern können. Vielleicht nicht die ganze Welt – aber ein kleines Stück davon. Jedes Mal, wenn eine Kundin bei uns bestellt, statt Fast fashion zu kaufen ist das wie ein kleiner Sieg.
Wie kam es zur Zusammenarbeit mit eurer Produktionsstätte in Bulgarien und wie war euer erster Besuch vor Ort?
Unsere erste Idee war tatsächlich, selbst ein Atelier in Bulgarien zu gründen. Mein Mann und ich wollten auswandern, vor Ort etwas Eigenes aufbauen. Bei einer Immobilienbesichtigung hat uns der Makler dann auf eine kleine, familiengeführte Wäscheproduktion in Warna aufmerksam gemacht.
Wir haben sie spontan besucht, wurden herzlich empfangen und haben sofort gespürt, dass da etwas Besonderes ist. Die Atmosphäre war offen, warm und sehr menschlich. Wir haben uns auf Anhieb wohlgefühlt. Es war, als hätten wir genau den Ort gefunden, nach dem wir gesucht hatten – nur eben auf ganz andere Weise.
Heute sind wir ihr größter ausländischer Kunde, aber es fühlt sich immer noch wie eine Partnerschaft auf Augenhöhe an. Wir lernen voneinander, unterstützen uns gegenseitig und wachsen gemeinsam. Diese Verbindung ist für mich eines der schönsten Kapitel von Moya Kala.



Auf eurer Website klärt ihr auch sehr detailliert über eure Materialauswahl auf, zum Beispiel dass Brennesselfasern sehr hautfreundlich sind, das klingt erstmal verrückt. Wie entdeckt ihr diese spannenden Materialien?
Manchmal beginnt es mit einem kleinen Impuls. Die Brennnessel hatten wir schon länger im Hinterkopf und gezielt auf Messen und bei unseren Lieferanten danach gesucht. Später kamen wir mit einer Schweizer Initiative in Kontakt, die eigene Brennnessel-Felder anbaut. Was uns daran so fasziniert hat: Die Pflanze wächst schnell, braucht kaum Wasser und kann ganz ohne Chemie verarbeitet werden.
Im Moment ist die Herstellung noch nicht komplett wirtschaftlich, deshalb mischen wir die Fasern mit Biobaumwolle. Aber selbst ein kleiner Anteil Brennnessel verändert die Eigenschaften des Materials spürbar. Es wird weicher, hautfreundlicher und bekommt diese besondere Struktur.
Für uns ist es wichtig, immer wieder neue Wege zu gehen und Materialien zu finden, die sowohl nachhaltig als auch tragbar sind. Und manchmal braucht es einfach ein bisschen Mut, etwas Neues auszuprobieren.

Wie entsteht bei euch eine neue Kollektion – was inspiriert dich beim Designprozess am meisten und wie läuft dieser dann ab?
Bei uns ist der Designprozess ein echtes Teamprojekt. Wir sind ein kleines, eng verbundenes Team und jede Stimme zählt. Unsere Designerin bringt uns zu Beginn in einem Workshop die aktuellen Trends näher, doch was uns wirklich leitet, ist unsere eigene Handschrift. Wir lassen uns nicht von schnelllebigen Moden treiben, sondern entwickeln Stücke, die zeitlos sind und unseren Werten entsprechen.
Meist überlegen wir gemeinsam, welche Schnitte oder Farben unsere bestehende Kollektion sinnvoll ergänzen. Wir designen nicht komplett neu, sondern wachsen Stück für Stück. In enger Zusammenarbeit mit unserer Produktion in Bulgarien entstehen dann erste Prototypen. Das Feedback fließt direkt ein – es ist ein kreativer Austausch auf Augenhöhe.
Ich liebe diesen Prozess, weil er so viel Nähe und Ehrlichkeit mit sich bringt. Es geht nicht nur um Ästhetik, sondern auch darum, wie sich ein Teil anfühlt, wie es sitzt und wie es im Alltag getragen wird. Und natürlich ist es besonders schön zu sehen, wie aus einer Idee ein fertiges Kleidungsstück wird, das dann jemand mit Stolz trägt.
Ihr seid jetzt gerade auf eine B2B Messe in Kopenhagen, seid ihr generell viel auf Messen unterwegs?
Ja, wir sitzen hier gerade in Kopenhagen, weil wir den skandinavischen Markt ein bisschen für uns testen möchten. Bisher liegt unser Fokus stark auf der Schweiz, aber das Interesse wächst.
Besonders freuen wir uns auch immer auf Veranstaltungen wie die BLICKFANG, weil wir dort direkt mit den Besucher:innen ins Gespräch kommen. Der persönliche Austausch ist für uns unbezahlbar. Online ist das manchmal schwierig – da fehlen die Momente, in denen man das Material fühlen, anprobieren oder einfach mal erzählen kann, wie ein Teil entstanden ist. Auf Messen wird unsere Geschichte greifbar – und das macht einen großen Unterschied.
Ihr arbeitet auch mit der Initiative „Tip me“ über die man als Kund:in direkt Trinkgeld an die Näherin geben kann, die das Kleidungsstück hergestellt hat, kannst du nochmal erklären, wie das genau funktioniert und wie Kund:innen und Näherinnen darauf reagieren?
„Tip me“ ist für uns ein echtes Herzensprojekt. Es ist eine unabhängige Organisation aus Deutschland, die es möglich macht, Näherinnen direkt zu unterstützen – ganz ohne Umwege. Beim Checkout im Onlineshop können unsere Kund:innen entscheiden, ob sie ein Trinkgeld geben möchten. Dieses Geld geht zu 100 Prozent an die Frauen, die unsere Kleidung nähen.
Was uns besonders freut: Viele unserer Kund:innen nutzen die Möglichkeit. Manche geben ein paar Franken, andere mehr – aber jedes Trinkgeld macht einen Unterschied. Und die Rückmeldungen zeigen, dass diese Form der Unterstützung beiden Seiten guttut. Es ist eine einfache Geste, die viel bewegt.
Wenn du eine Sache in der Modeindustrie sofort ändern könntest, was wäre das?
Ich wünsche mir, dass es eine Recyclingabgabe auf jedes Kleidungsstück gibt – ähnlich wie bei Elektronik in der Schweiz. Eine Gebühr, die beim Kauf gezahlt wird und die gezielt in die Entwicklung von Recyclinglösungen fließt. Denn die Müllberge in der Modeindustrie sind riesig und wachsen weiter. Dieses Thema können wir nicht ignorieren.
Alternativ würde ich mir absolute Transparenz wünschen. Dass man beim Kauf eines Kleidungsstücks genau sieht, wo es hergestellt wurde, wer daran gearbeitet hat und welche Materialien verwendet wurden. Ich glaube, das würde das Bewusstsein massiv verändern.
Die Modebranche braucht dringend neue Regeln, mehr Verantwortung und mehr Ehrlichkeit. Und wir als Konsument:innen haben die Möglichkeit, diese Veränderung mitzugestalten – jeden Tag, mit jeder Entscheidung.

Auf der BLICKFANG in Zürich kannst du Claudine persönlich kennenlernen ihre Body Basics anprobieren und direkt mitnehmen!
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