Jean Paul Brkovic über Materialien, „Ground level living“ und die Kraft von Kollaboration

AllgemeinHighlights BLICKFANG MünchenHighlights BLICKFANG ZürichInterviews
Future Forward Gewinner Jean Paul Brković

Future Forward Gewinner Jean Paul Brković © Pia Seidl

Wenn man das Atelier von Jean Paul Brković in Zürich betritt, spürt man sofort eine besondere Energie: Hier wird nicht einfach Möbel-Design betrieben, hier entstehen Objekte, die zwischen Kunst und Funktion balancieren. Mit seinem Label DDD – das man sowohl als „DDD“ lesen, als auch als Wortspiel mit „3D“ verstehen kann – erforscht er Materialien, Formen und die Kraft der Kollaboration. Seine Arbeiten sind geprägt von Neugier, Experimentierfreude und einer Haltung, die nachhaltige Materialien nicht nur als Statement, sondern als selbstverständliche Basis versteht. Mit seiner UTO-Serie hat er recyceltem Kunststoff zu einer neuen ästhetischen Dimension verholfen – und ist damit für den Future Forward Award der BLICKFANG nominiert. Wir haben Jean Paul in seinem Atelier besucht und mit ihm über Inspiration, Prozesse und seine Vision für die Designwelt gesprochen.

Jean Paul, wenn du DDD in wenigen Worten beschreiben müsstest – wie würdest du es erklären?

DDD steht für Kollaboration, für Austausch und für dreidimensionales Denken. Entstanden ist es aus einem Kollektiv mit Freund:innen, die mich stark inspiriert haben. Ich wollte diesen Spirit weitertragen und daraus ein Label machen. Gleichzeitig erinnert das Kürzel auch an „3D“ – weil Design für mich immer mehrdimensional gedacht wird, nie eindimensional.

Du bringst nicht ständig neue Stücke heraus, sondern nur „wenn der Moment stimmt“. Wie entscheidest du, wann es so weit ist?

Das hat viel mit Ressourcen und mit meinem Anspruch zu tun. Ich konzentriere mich lieber auf ein Objekt, das wirklich Bestand hat, als viele halbgare Ideen umzusetzen. In einer Welt, die uns mit Produkten überflutet, möchte ich Gegenstände schaffen, die bleiben – und nicht nur die nächste schnelle Ablenkung sind.

Wie hat dein Weg ins Design eigentlich begonnen?

Das ist fast schon eine witzige Geschichte: Ich habe das Gefühl, das Design hat mich gefunden, nicht umgekehrt. Aufgewachsen bin ich bei Stuttgart, in einer Umgebung, wo alle Wege in Richtung Bosch oder Automobilindustrie führten. Kreative Berufe waren da kaum sichtbar. Über Umwege – und dank meiner Mutter – habe ich einen Mappenkurs gemacht. Das erste Mal, als ich eine Figur gezeichnet habe, hat es Klick gemacht: Ich muss etwas Kreatives tun! So habe ich Industrial Design studiert, bin von den Niederlanden und dem Dutch Design stark geprägt worden und über Zufälle schließlich in Zürich gelandet.

Und was davon steckt heute in deiner Arbeit?

Definitiv mein schwäbischer Hintergrund (lacht). Ich bin detailorientiert, strukturiert und pragmatisch – gleichzeitig aber offen für das Experiment. Mein Vater hat eine kleine Schweißerei, und dort habe ich die ersten Formen für meine Entwürfe gebaut. Diese Mischung aus Bodenständigkeit und Neugier prägt meine Arbeit bis heute.

Ein Markenzeichen von dir ist die UTO-Serie. Wie ist sie entstanden?

Die UTO-Serie basiert auf Platten von Smile Plastics – recyceltem Kunststoff aus Dingen wie Joghurtbechern. Mich hat fasziniert, dass das Material nicht schreit „Ich bin nachhaltig“, sondern einfach wunderschön aussieht. Ich wollte zeigen, wie man aus etwas Flachem etwas Dreidimensionales machen kann, mit minimalen Eingriffen, aber maximaler Wirkung. Die Rundungen bringen die Textur erst richtig zur Geltung. Und der Name UTO? Der kommt vom Zürcher Uetliberg – gleichzeitig gibt es eine Verbindung zu meiner Heimat, wo der Berg unter keltischem Namen auch verzeichnet ist. Eine schöne Brücke zwischen Herkunft und Gegenwart.

Mit der Serie hast du auch den berühmten Ulmer Hocker neu interpretiert. Warum gerade dieses Möbelstück?

Der Ulmer Hocker von Max Bill ist für mich ein universelles Objekt. Mich hat gereizt, wie er in einer zeitgenössischen, nachhaltigen Version aussehen könnte – stapelbar, mit neuen Materialien, aber der klaren Linie treu bleibend. Daraus sind Hocker und später der Lowchair entstanden. Der Lowchair ist so nah am Boden, dass er einen fast meditativen Effekt hat. Dieses „Ground level living“ ist etwas, das ich ganz bewusst einbringen wollte: Wenn man näher am Boden sitzt, kommt man zur Ruhe, man fühlt sich geerdet. Gleichzeitig verstärken die geneigten Armlehnen dieses Gefühl, geben Halt beim Sitzen und Aufstehen und lassen den Körper entspannen. Für mich war es eine spannende Entdeckung, dass Design nicht nur funktional oder ästhetisch sein kann, sondern auch das Wohlbefinden beeinflusst.

Du arbeitest mit außergewöhnlichen Materialien wie recyceltem Kunststoff oder Bananenfasern. Was reizt dich daran?

Mich interessiert die Material-Exploration: Stoffe zu finden, die oft ein Nebenprodukt sind, und sie in eine neue Form zu bringen. Bananenfaser zum Beispiel ist extrem robust, fast wie Segeltuch – und gleichzeitig hat sie eine eigene Ästhetik. Entscheidend ist für mich: Das Material muss nicht plakativ nachhaltig wirken, sondern soll durch Schönheit überzeugen.

Wer kauft deine Stücke – und wie läuft der Vertrieb bisher?

Im Moment eher individuell auf Anfrage. DDD ist für mich ein Experimentierfeld, kein Massenprodukt. Manche Kund:innen kommen durch Ausstellungen auf mich zu. Mir ist wichtig, dass die Stücke auf Menschen zugeschnitten bleiben, statt im großen Stil gelagert zu werden.

Wenn du an die Zukunft denkst: Wo soll DDD hingehen?

Ich möchte keine klassische Marke aufbauen, sondern eine Plattform, die andere Designer:innen einlädt. Kollaboration ist der Kern von DDD – und ich will Räume schaffen, in denen Talente mit neuen Materialien experimentieren und Geschichten erzählen können, die berühren.

Du bist bei der BLICKFANG für den Future Forward Award nominiert. Was bedeutet dir das?

Sehr viel! Zum einen, weil die BLICKFANG aus Stuttgart kommt – also aus meiner Heimat. Zum anderen, weil sie anders funktioniert als viele Messen. Dort geht es nicht nur um Businesskontakte, sondern um Begegnungen auf Augenhöhe. Besucher:innen können die Objekte direkt erleben, anfassen, sich inspirieren lassen – und im besten Fall auch sofort mitnehmen. Das macht die Messe einzigartig.
Als ich den Future Forward Award gewonnen habe, war das eine wunderbare Anerkennung – und auch ein emotionaler Moment, weil er aus einer Plattform kommt, die ich sehr schätze. Für mich ist die BLICKFANG kein reines Verkaufsformat, sondern ein kultureller Raum, der Design sichtbar macht und eine Community schafft. Genau diese Mischung aus Markt, Austausch und Inspiration macht es für mich so spannend, Teil davon zu sein.

Welches Gefühl sollen Menschen haben, wenn sie eines deiner Stücke benutzen?


Überraschung und Freude. Dieses Glitzern in den Augen, wenn jemand etwas Neues entdeckt – das ist für mich das Schönste.

Und wenn du dir für die Designbranche etwas wünschen dürftest?


Dass Design wieder stärker seine gesellschaftliche Rolle einnimmt. Heute wird oft ein Produkt nur gestylt, um es besser zu verkaufen. Dabei geht es doch darum, der Gesellschaft etwas zu geben. Diese Haltung würde ich mir zurückwünschen.

Zu Besuch bei Jean Paul!

Wir haben Jean Paul in seinem Zürcher Atelier besucht. Das gesamte Interview und Einblicke hinter die Kulissen seiner Arbeit siehst du im Video:

Jean Paul kannst du übrigens an der BLICKFANG in München oder Zürich kennenlernen, noch mehr über seine Geschichte und seine Produkte erfahren und diese natürlich direkt ausprobieren und kaufen. Hier geht es zu den den Tickets!

Consent Management Platform von Real Cookie Banner