20 Jahre ELFE11 – Ein Gespräch über Mode, Mut und Zufälle

Wenn man Kathrin Wegmann in ihrem Laden in Zürich sieht, spürt man sofort die besondere Atmosphäre: herzlich, ehrlich und ein bisschen unkonventionell – genau wie ihre Mode. Seit 20 Jahren steht sie mit ihrem Label ELFE11 für Kleider, die mehr sind als bloße Hüllen. Sie erzählen Geschichten, sind praktisch und dennoch poetisch, schlicht und zugleich voller Raffinesse.
Im Gespräch mit uns blickt sie zurück auf die Anfänge, erzählt von glücklichen Zufällen, besonderen Begegnungen mit Kund:innen – und davon, warum ihr Geschäft für sie bis heute so etwas wie eine Kraftquelle ist.
Dieses Jahr feiert dein Geschäft in Zürich sein zwanzigjähriges Jubiläum. Kannst du uns an den Anfang deines Labels mitnehmen und erzählen, wie alles begann?
Ich habe schon immer für mich selbst genäht, einfach weil es mir Spaß machte. Dann entstand dieser Pullover mit einem Reißverschluss, den man in einen kleinen Rucksack verwandeln konnte. Meine Freund:innen waren begeistert, wollten ihn unbedingt haben – und so fing es an. Zuerst habe ich einzelne Teile an Läden verteilt, nebenbei unterrichtete ich weiterhin an der Primarschule.
Ein Laufbahnberater hat mir schließlich Mut gemacht, einen eigenen Laden zu eröffnen. Ich dachte damals: „In Zürich? Unmöglich!“ Aber dann wurde zufällig direkt neben meinem Atelier ein Geschäft frei. Ich habe mich beworben – und bekam es tatsächlich. Den Laden habe ich mit jemandem geteilt, alle Möbel selbst geschweißt und gebaut. Ohne Budget, dafür mit viel Herzblut. Und es hat funktioniert – von Anfang an.
Verkaufst du diesen besonderen Pullover eigentlich heute noch?
Nein, im Moment nicht. Er ist irgendwie ein anderer Stil. Aber manchmal überlege ich, ihn wieder aufleben zu lassen. Wer weiß – vielleicht feiert er eines Tages ein Comeback.
Du hast dir das Schneidern selbst beigebracht, richtig?
Genau. Ich war zwar ein Jahr auf einer Kunstgewerbeschule und habe ein Praktikum gemacht, aber die Schnitttechnik habe ich mir selbst beigebracht. Ich habe mir Aufgaben gestellt wie in einem Lehrplan, Schnittmuster studiert und unzählige Stunden zuhause genäht. Für mich war klar: wenn ich für meine Schüler:innen einen Jahresplan erstellen kann, dann kann ich das auch für mich selbst. Mit Schnittmusterbüchern und viel Ausprobieren habe ich mir die Technik Schritt für Schritt beigebracht.


Weißt du noch, wie es sich angefühlt hat, als die ersten Läden deine Pullover verkaufen wollten?
Das war unglaublich spannend! Ich habe gar nicht groß geplant, sondern immer nur geschaut: funktioniert das nächste Stück auch? Und plötzlich hingen meine Teile wirklich in Läden. Das war ein unbeschreibliches Gefühl.
Gab es in den 20 Jahren auch Momente, in denen du dachtest: Jetzt höre ich auf?
Oh ja, oft! Ich habe gedacht: „Das geht nicht, wenn ich ein Kind habe. Das geht nicht mit Haushalt. Das geht nicht mit dem Masterstudium.“ Und doch ist es immer gegangen. Mein Laden ist für mich wie eine Kraftquelle – ich brauche ihn, er gibt mir Energie. Ohne ihn hätte ich vieles im Leben gar nicht geschafft.
Welche Begegnungen mit Kund:innen sind dir besonders im Herzen geblieben?
Da gibt es viele. Besonders berührt es mich, wenn Menschen meine Kleider „verstehen“. Wenn sie spüren, dass mehr dahintersteckt. Oft sind es spannende, offene Frauen – Künstlerinnen, Architektinnen, Autorinnen. Sehr viele meiner Kundinnen sind Dozentinnen oder arbeiten pädagogisch und therapeutisch. Frauen also, die vor Publikum stehen, mit Menschen arbeiten, die präsent sein müssen. Wenn sie meine Kleider tragen, spüre ich, dass sie sich darin stark und gleichzeitig wohlfühlen – das macht mich glücklich.
Nachhaltigkeit und faire Bedingungen sind dir von Anfang an wichtig gewesen. Hat sich dein Blick darauf verändert?
Am Anfang war es für mich eine Haltung – so selbstverständlich wie keine Lebensmittel wegzuwerfen. Heute ist Nachhaltigkeit in aller Munde. Aber wichtiger denn je. Denn wenn Kleidung billig ist, zahlt am Ende jemand anderes den Preis – die Umwelt oder die Arbeiter:innen. Ich wünsche mir, dass Konsument:innen sich dessen bewusster sind.
Seit einiger Zeit habe ich zusätzlich ELFE11circular eingeführt. Kund:innen können ihre getragenen ELFE11-Teile zurückbringen, wenn sie nicht mehr passen oder getragen werden. Ich setze dann einen Vintage-Verkaufspreis fest und bringe sie wieder in den Umlauf. Wird ein Stück verkauft, erhalten die Vorbesitzer:innen 30 Prozent als Gutschrift. So bekommt jedes Teil ein zweites Leben – und jemand anderes freut sich darüber.
Stil bedeutet für dich auch Haltung. Welche Haltung haben die Menschen, die ELFE11 tragen?
Meine Kund:innen leben achtsam und bewusst. Sie kaufen nicht, weil etwas gerade Trend ist, sondern weil es zu ihnen passt. Sie fragen sich: Worin fühle ich mich wohl? Was begleitet mich lange? Es geht um intelligente Entscheidungen. Stil bedeutet für mich, sich selbst und seine Bedürfnisse zu kennen und Kleidung zu wählen, die dazu passt.
Gibt es Kleidungsstücke, die die Geschichte von ELFE11 am besten erzählen?
Definitiv die Ballonhose – sie ist asymmetrisch, bricht mit allen Schnittregeln und funktioniert trotzdem. Oder mein Fledermaus-Shirt, das man auf unterschiedliche Arten tragen kann. Beide wirken schlicht, offenbaren aber beim zweiten Blick einen besonderen Twist. Genau das ist typisch für ELFE11.
Du lebst und arbeitest in Zürich. Wie beeinflusst dich die Stadt?
Ich liebe meinen Kreis 3 und 4. Inspiration finde ich im Alltag: Beim Tramfahren, auf Reisen oder sogar auf dem Sofa. Manchmal sprudeln die Ideen nur so, manchmal ist es still. Und dann plötzlich – kommt wieder eine ganze Welle neuer Entwürfe.


Erinnerst du dich noch an deine erste BLICKFANG?
Oh ja! Ich war damals in einer schwierigen Phase mit Liebeskummer. Aus Trotz habe ich gedacht: „Jetzt stürze ich mich ins Label.“ Eigentlich hatte ich nur ein paar Pullover – viel zu wenig. Aber ich fuhr nach Wien und stellte mich hin. Und es hat funktioniert! Die Leute haben gekauft, und ich war völlig überwältigt. Auch Dieter hat sich damals an meinem Stand einen Pullover gekauft, da habe ich ihn noch gar nicht wirklich gekannt. Das war der Moment, in dem ich wusste: Das Label hat Zukunft. Am Abend habe ich Freunde von meinem verdienten Geld in eine Bar eingeladen. Das Portemonnaie habe ich dann noch am selben Abend verloren, aber das ist eine andere Geschichte (lacht)
Wie hat sich die BLICKFANG über die Jahre für dich verändert?
Sie ist für mich nach wie vor eine sehr wichtige Plattform und Einnahmequelle. Viele Kund:innen kommen ausschließlich zur BLICKFANG, um meine Stücke zu kaufen. Spannend ist auch: Bei einer BLICKFANG wurde ich von Globus Bern Westside angesprochen – dort, und später auch in Zürich und St. Gallen, habe ich dann verkauft. Solche Möglichkeiten wären ohne die Messe nie entstanden. Was ich außerdem besonders mag: trotz ihrer Größe bleibt die BLICKFANG persönlich und fühlt sich familiär an. Das Team kennt uns, interessiert sich wirklich für uns Ausstellende. Diese Nähe macht die BLICKFANG sehr besonders.
Wenn du an die nächsten 20 Jahre denkst – welche Träume hast du für ELFE11?
Mein größter Wunsch: mehr Zeit. Für das Entwerfen, für die Handarbeit, für meine Kundinnen. Ich liebe meine Arbeit, aber der ständige Zeitdruck ist eine Herausforderung. Ich wünsche mir, dass die Freude bleibt – und dass ich, wenn der Moment einmal kommt, auch den Mut habe aufzuhören. Bis dahin genieße ich jeden Tag in meinem Laden.
In ihrem Ladengeschäft in der Zürcher Zentralgasse und an der BLICKFANG in Zürich kannst du Kathrin persönlich kennenlernen und ihre besonderen Kleidungsstücke anprobieren und direkt mitnehmen!
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