Design im Negativ: Lea Lahr und die Kunst der Counterform Design Methode

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Lea Theres Lahr-Thiele, Gründerin und Designerin von Lea Lahr
Lea Theres Lahr-Thiele, Gründerin und Designerin von Lea Lahr

Von der kindlichen Faszination für extravagante Outfits bis hin zu innovativer Zero Waste Couture: LEA LAHR verbindet traditionelles Handwerk mit modernster Technik, um Mode zu schaffen, die nicht nur tragbar, sondern auch nachhaltig, künstlerisch und emotional berührend ist.

Mit ihrer selbst entwickelten Counterform Design Methode denkt sie den Zuschnitt radikal neu. Jede Form erzeugt eine gleichwertige Gegenform, die als eigenständiges Design wertvoll ist. Im Interview erzählt Lea von ihrer persönlichen Designreise, der Philosophie hinter ihrem Label und den Geschichten, die in jedem Stoff und jeder Kollektion stecken.

Wie hat dein persönlicher Weg in die Mode begonnen – gab es schon früh eine Verbindung zu Textilien, Materialien oder Handwerk?

Eigentlich wusste ich schon als Kind, dass ich in der Mode arbeiten möchte. Mit fünf Jahren habe ich den Film 101 Dalmatiner gesehen und war sofort fasziniert von Cruella de Vil und ihren extravaganten Outfits. Im selben Alter habe ich meine erste Kollektion gezeichnet. Seitdem begleitet mich ein tiefes Interesse an Textilien, unterschiedlichen Silhouetten und vor allem an handwerklichen Techniken.

Ich liebe es, mit den Händen zu arbeiten, Materialien zu erforschen und daraus gestalterisches Potenzial zu entwickeln. Dieses Interesse hat meinen Weg geprägt: Ich habe eine Ausbildung in Schneiderei, Schnittkonstruktion, Modedesign und Textilentwicklung gemacht und bei Haute Couture Labels wie Jakob Schläpfer verschiedene Techniken erlernt. Für mich ist die Arbeit mit Textilien ein echtes Kulturerbe – etwas, das bis zu den Anfängen der Menschheit zurückreicht. Mein Ziel war es immer, so viel wie möglich zu erfahren, zu lernen und umzusetzen.

Wie ist die Idee zum eigenen Label entstanden? Gab es einen Moment, der für dich den Wunsch ausgelöst hat, Zero Waste Couture als künstlerisches und unternehmerisches Konzept zu verwirklichen?

Rückblickend ist mir klar geworden, dass ich mich schon immer für Upcycling und die Entdeckung von Materialien interessiert habe. Für mich war es ein natürlicher Schritt, diese Leidenschaft mit Zero Waste zu verbinden: durch gezielte Techniken und Materialkombinationen ressourcenschonend zu designen und zu gestalten. Dabei geht es mir nicht nur um die Umwelt, sondern auch um die Menschen, das Handwerk und die ethischen Grundlagen von Design.

Kollaboration spielt dabei eine zentrale Rolle: Textilproduktion war schon immer Teamarbeit, und ich möchte diesen kollektiven Ansatz sichtbar machen.

Beispielsweise frage ich mich bei einer neuen Kollektion: Wie kann ich ein ressourcenschonendes Material entwickeln, das aussieht und sich anfühlt wie Leder, ohne Tiere oder Plastik zu nutzen? Diese Denkweise eröffnet neue Möglichkeiten Menschen für Nachhaltigkeit und verantwortungsvolles Design zu sensibilisieren und langfristig etwas zu verändern.

Du arbeitest mit Deadstockmaterialien, die oft eine Geschichte in sich tragen. Wie findest du diese „versteckten Schätze“ – und wie arbeitest du damit?

Mir ist wichtig zu betonen: Deadstock ist nicht gleich Deadstock. Aktuell erlebt das Arbeiten mit solchen Materialien einen großen Boom – zahlreiche Plattformen werben damit, hochwertige Stoffe von Luxusmarken aus Italien oder Frankreich anzubieten. Gleichzeitig sehe ich hier eine Gefahr des Greenwashings: Unternehmen können unverkaufte Bestände weiterverkaufen und gleichzeitig neue Materialien produzieren lassen, ohne tatsächlich nachhaltiger zu handeln.


Mein Ansatz ist ein anderer: Ich suche bewusst lokal – bei Menschen und Betrieben, die wirklich mit Stoffen arbeiten und Überproduktionen, Fehlproduktionen oder Materialreste lagern. Manchmal sind es Hinterlassenschaften von Firmen, die schließen mussten, manchmal auch persönliche Stücke wie Kleidungsstücke von Familienmitgliedern, die in neue Kollektionen einfließen. Jedes Material hat für mich einen Wert und eine Geschichte – und es bereitet mir Freude, daraus Neues zu entwickeln.


Die Forschung am Material steht für mich im Mittelpunkt: Erst beim Bearbeiten entdecke ich seine Eigenschaften, welche Techniken passen und wie es sich am besten entfaltet. Das Material führt mich – nicht umgekehrt. So entstehen ressourcenschonende Stücke mit Tiefe und Persönlichkeit. Transparenz ist mir dabei wichtig: Ich möchte immer nachvollziehen können, woher ein Stoff kommt und welche Geschichte er trägt.

Gibt es ein Material, mit dem du besonders gerne arbeitest und Was war das ungewöhnlichste Material, das du bisher verarbeitet hast?

Ich liebe Materialien, die in irgendeiner Weise changieren, Licht auf besondere Weise reflektieren oder eine eigene Struktur mitbringen. Besonders spannend finde ich auch Stoffe, die zwei Seiten haben, wie Doubleface-Gewebe. Außerdem liebe ich Jacquard-Stoffe oder Ausbrennermaterialien die ihre Musterung durch ein spezielles Ätzverfahren erhalten, das Teile des Gewebes entfernt, anstatt Farbe aufzutragen.

Das ungewöhnlichste Material, mit dem ich bisher gearbeitet habe, war ein metallisches Garn mit spezieller Beschichtung. Damit konnte ich mit der Laserbearbeitung ganz neue, bildhafte Effekte erzeugen. Diese Arbeiten werde ich zum Beispiel auch auf der BLICKFANG in Wien präsentiert.

Dein Designansatz mit der Counterform Design Methode ist sehr einzigartig. Wie bist du auf diese Technik gekommen, wie genau funktioniert das und was fasziniert dich an der Idee, mit Negativformen zu arbeiten?

Die Counterform Design Methode habe ich selbst entwickelt und ihr diesen Namen gegeben. Normalerweise läuft es so: Im Modedesign werden große Stoffbahnen zugeschnitten, um daraus Kleidungsstücke zu fertigen. Dabei fällt Verschnitt an also Stoffreste, die oft als Abfall gelten und wenig weiterverwertet werden.  Mich hat schon immer gestört, dass beim Zuschnitt von Stoffen direkt entschieden wird, was „wertvoll“ und was „Müll“ ist. Wer bestimmt eigentlich, dass bestimmte Teile direkt weggeworfen werden? Während meiner Arbeit in der Schweiz beim Couture Haus Jakob Schläpfer habe ich immer wieder Materialien die als Verschnitt entsorgt werden sollten zurückgeholt. Ich habe, diese Formen bewusst zu gesammelt angefangen sie zu erforschen, weil ich darin ein großes gestalterisches Potenzial sehen konnte.

Die Idee dahinter ist, dass jede Form, die man gestaltet, gleichzeitig eine Gegenform erzeugt. Inspiriert von einem Kunstlehrer, der mir damals gezeigt hat, dass man nicht nur ein Objekt, sondern auch den Raum drumherum gestalten muss, habe ich angefangen bewusst mit diesen Negativformen zu arbeiten. Heute entwickle ich meine Designs so lange weiter, bis auch die Gegenform ein eigenständiges, gleichwertiges Design ist. Dabei kann die Gegenform entweder separat existieren oder in das ursprüngliche Design integriert werden.

Mit deinem Label kombinierst du Technologie wie Lasercut mit traditionellem Handwerk. Wie gelingt dir dieser Spagat zwischen Innovation und textilem Erbe?

Für mich bedingen sich Innovation und Handwerk gegenseitig. Die beeindruckenden Oberflächen, die ich entwickle, entstehen nur, weil ich sowohl handwerklich arbeite als auch technologische Möglichkeiten nutze – zum Beispiel Lasercut oder Gravur.

Das Laserschneiden ist dabei nur ein kleiner Teil des Prozesses, vielleicht fünf Prozent. Die ausgeschnittenen Formen sind der Ausgangspunkt, ab da beginnt die eigentliche kreative Reise. Laser ermöglicht mir, Materialien auf eine Weise zu bearbeiten, die mit reiner Handarbeit nicht möglich wäre, ohne dabei die Liebe zum Detail und das traditionelle Handwerk zu verlieren.

Ich liebe diese Kombination, weil Präzision und Handwerk perfekt zusammenpassen: Das Handwerk bringt die Seele ins Design, die Technologie die Genauigkeit. Zusammen entsteht etwas, das weder rein digital noch rein handgefertigt möglich wäre.

Wie gehst du mit dem Spannungsfeld zwischen künstlerischem Ausdruck und tragbarer Mode um? Gibt es für dich da überhaupt eine Grenze?

Für mich gibt es hier keine strikte Grenze – beides lebt nebeneinander und ergänzt sich. Manchmal steht ein absoluter Auftritt im Vordergrund, eine extravagante Kreation für einen besonderen Anlass. In anderen Fällen geht es um subtile Details oder kleine Hingucker, die eher als Accessoires funktionieren.

Ich lasse mich sehr intuitiv vom Material leiten. Bei Kund:innen orientiere ich mich zusätzlich an ihren Wünschen, an Passform und Tragekomfort. So versuche ich beispielsweise feministische Aspekte in Schnitt und Funktion einfließen zu lassen – etwa angenehme Passformen, Reißverschlüsse an praktischen Stellen oder Designs, die unterschiedliche Körpertypen berücksichtigen.

Du hast dich für ein Offline-only-Konzept entschieden. Was macht die persönliche Beratung für dich so besonders?

Für mich ist der direkte Kontakt mit Kund:innen essenziell. Erst die Begegnung mit dem Material und dem Design ermöglicht ein echtes Verstehen und Erleben meiner Arbeit. Ich liebe diesen Moment, wenn Menschen von einem Stück regelrecht angezogen werden, besonders auf Messen wie der BLICKFANG, die meiner Erfahrung nach eine sehr kuratierte und dennoch bodenständige Designplattform bietet.

Auch im Atelier ist der persönliche Austausch zentral: Kund:innen sehen die Entwicklungsprozesse, die Materialien, die Entwürfe an den Wänden. Das alles macht das Label erlebbar. Offline-only zu arbeiten, erlaubt mir, diese 1-zu-1-Momente zu schaffen, die in der digitalen Welt so schwer greifbar sind. Für mich hat das etwas sehr Romantisches: Inmitten der täglichen Informationsflut kann man hier bewusst eine echte, materielle Begegnung erleben.

Wer sind die Menschen, die LEA LAHR tragen?

Meine Kund:innen sind Menschen, die selbstbewusst ihren eigenen Stil leben und Wert auf Besonderheiten legen unabhängig von großen Couture-Labels. Ihnen geht es weniger um das Etikett, sondern darum, dass ein Kleidungsstück eine Geschichte hat. Sie wissen, was sie wollen, und entwickeln ihren Stil über Jahre hinweg konsequent weiter. Es sind Menschen, die ihre Individualität ausdrücken, ohne dass sie sich erklären müssen, die selbstbewusst Entscheidungen treffen und bewusst auf Qualität und Einzigartigkeit achten.

Neu hinzugekommen sind auch Couture Häuser als B2B Kund:innen, die sich für besondere Oberflächenentwicklungen interessieren. Ich nehme bald an meiner ersten Ausstellung in Paris zu diesem Thema teil.

Was war das schönste Feedback, das du bisher zu einem deiner Designs bekommen hast?

Ein Erlebnis, das mir besonders im Gedächtnis geblieben ist, war, als eine Frau ganz gezielt auf einen meiner Mäntel zugesteuert ist. Ich hatte sie schon eine Weile beobachtet, wie sie immer wieder um das Kleidungsstück herumgegangen ist, fast so, als würde sie von ihm angezogen. Schließlich hat sie es anprobiert und dann angefangen zu weinen.

Für mich ist das das schönste Kompliment überhaupt: Dass Kleidung Menschen so tief berühren kann, dass sie emotional reagieren. Genau diese Momente liebe ich an meiner Arbeit, sie machen alles, was ich tue, so unglaublich wertvoll.

Leas Kindheitszeichnungen dienen als Inspiration für ihre neuste Kollektion (Foto ©Jasper Grätsch)

Welche Kollektion war für dich persönlich bisher die herausforderndste oder emotionalste – und warum?

Aktuell arbeite ich an der Kollektion Summer Ninety-Five, und sie ist für mich besonders herausfordernd und gleichzeitig unglaublich emotional. Sie basiert auf den Zeichnungen, die ich als fünfjährige gemacht habe: kleine Figuren, 28 Stück insgesamt, die mich nun wieder einholen und inspirieren.

Die Herausforderung liegt darin, diesem kindlichen Selbstverständnis gerecht zu werden und gleichzeitig die Leichtigkeit, die damals in den Formen, Farben und Kompositionen lag, in meine heutige Designarbeit zu übertragen.

Besonders spannend finde ich, dass ich mit fünf Jahren bereits ein so klares, inklusives Bild von Frauen hatte: große, kleine, runde, zierliche, dunkelhäutige, hellhäutige, Frauen mit Afro-Haaren, mit blauen oder grünen Haaren – all das war selbstverständlich in meinen Zeichnungen vertreten. Diese Vielfalt spiegelt sich jetzt auch in der Kollektion wider, die sich bewusst auf Frauen konzentriert, obwohl ich eigentlich sehr gerne genderfluide Mode entwickle.

Wenn du dir für die Zukunft der Modeindustrie eine Veränderung wünschen könntest – welche wäre das?

Ich wünsche mir hoch kreative Transparenz und mehr Co-Kreation. Die Textilindustrie sollte offener sein für Zusammenarbeit und Experimente, losgelöst von Kollektionszwängen. Nur so entstehen wirklich neue Materialien, Formen und Perspektiven.
Und ich wünsche mir mehr Mut, sowohl von Designer:innen als auch von Endverbraucher:innen. Weg von der immer gleichen sicheren Wahl, hin zu mehr Spiel, Freude und Überraschung.

Auf der BLICKFANG in Wien kannst du Lea persönlich kennenlernen und ihre besonderen Kleidungsstücke anprobieren und direkt mitnehmen!

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