tief im wald – Vom Handarbeitsprojekt in die VOGUE

Manche Erfolgsgeschichten beginnen nicht mit einem Businessplan, sondern mit einem Handarbeitsprojekt. So war es auch bei Judith, gelernte Grafikerin und Gründerin des Labels tief im wald. Aus einem Handschuhschnittmuster aus den 70er Jahren entwickelte sie ein farbenfrohes, modernes Accessoire. Was als Hobby begann, wurde zum kleinen, feinen Label, das heute in Magazinen wie VOGUE und ELLE erscheint.
Der Kern von tief im wald liegt in seinen Werten: Upcycling von Lederresten, handgearbeitete Unikate, die Zusammenarbeit mit geflüchteten Frauen in Franken und eine unverkennbare Farbästhetik. Im Interview spricht Judith über ihre kreative Reise, ihre Designphilosophie und warum Handarbeit für sie unverzichtbar ist.

Judith Feyertag, Gründerin von tief im wald
Judith, tief im wald entstand durch ein Handarbeitsprojekt für einen Weihnachtsbasar. Wie wurde daraus das Label, wie es heute ist?
Meine Kinder, die inzwischen erwachsen sind, haben mich durch ihre Schulzeit oft dazu inspiriert, mich in Projekten einzubringen. Für den großen Weihnachtsbasar habe ich beispielsweise Handschuhe aus Fellresten gefertigt und mit bunter Wolle umhäkelt. Die Leute waren total begeistert und fanden sie super.
Eigentlich bin ich freiberufliche Grafikerin und mache die Handschuhe nebenbei. Plötzlich wurden Modejournalisten auf die Handschuhe aufmerksam und wollten sie als Newcomer-Label in Magazinen wie der VOGUE und der ELLE zeigen. So ist das Label über die Jahre gewachsen, auch wenn wir nach wie vor sehr klein sind.

Farben spielen bei deinen Handschuhen eine besondere Rolle. Was inspiriert dich bei der Farbauswahl?
Ich komme aus der Grafik und habe dadurch ein natürliches Gespür für Farben. Wenn ich eine Farbe sehe, habe ich sofort eine Idee für eine Kombination, das passiert ganz intuitiv. Kund:innen bringen auch oft eigene Wünsche mit ein zum Beispiel Handschuhe passend zum Lieblingsmantel. Das mache ich gern. Ob ich gelbes oder blaues Garn nehme, ist mir dabei ganz egal – Hauptsache, es passt und macht Freude.“
Du arbeitest ausschließlich mit hochwertigen Lederresten – warum war dir diese Entscheidung für nachhaltige Materialien von Anfang an so wichtig?
Wir kaufen für tief im wald sogenannte Überschussproduktionen auf. Wenn große Labels Lederwaren herstellen lassen, bestellen sie in den Gerbereien immer etwas mehr Material, da Fell ein Naturprodukt ist und Unregelmäßigkeiten aufweisen kann. Was die großen Firmen dann nicht verwenden, diesen Überhang, kaufen wir auf. Wir haben dadurch natürlich auch keine festen, jährlichen Kollektionen, sondern ein kunterbuntes Angebot. Wenn ein bestimmtes Fell alle ist, dann ist es einfach alle und wird nicht nachproduziert. Dieses Vorgehen möchte ich unbedingt beibehalten, weil es ressourcenschonend und nachhaltig ist. Das Fell, das wir dabei hauptsächlich verwenden, ist Lamm- und Schafsfell, manchmal auch Ziegenfell.
Kannst du uns einmal mitnehmen in den Entstehungsprozess eines neuen Modells – von der Idee bis zum fertigen Handschuh?
Ich fahre regelmäßig persönlich zu meinem Lieferanten, der ein riesiges Lager hat und genau weiß, was ich will. Dann bin ich stundenlang in diesem Lager und schaue mir jedes Fell einzeln an. Wenn ich es mit nach Hause nehme, platziere ich die Vorlagen für die Einzelteile, die gestanzt werden, auf dem Fell. Danach werden die Teile gestanzt und jedes einzelne wird wie beim Friseur mit einer Haarschere sauber gemacht, weil die Fellhärchen an den Löchern sonst beim Häkeln stören würden. Danach sortiere ich die Teile zusammen und gehe an mein Regal, wo ich mittlerweile ungefähr 120 verschiedene Wollfarben habe. Ich halte die Wolle neben das Fell, um die richtige Farbkombination zu finden. Natürlich gibt es auch Klassiker, die irgendwie immer gehen, wie zum Beispiel Kamelbraun mit Flamingopink.
Deine Handschuhe entstehen ausschließlich in Handarbeit. Kannst du uns erklären, warum das so ist?
Es gibt tatsächlich keine Häkelmaschinen, die für unsere Handschuhe geeignet wären. Eine Sonderanfertigung würde in die Hunderttausende gehen das ist für uns als kleines Label keine Option. Außerdem wären solche Maschinen riesig und nur für große Hersteller rentabel, die in Massen produzieren. Genau das widerspricht jedoch unserem Konzept. Handarbeit ist heute leider oft in Vergessenheit geraten. Für genau die Menschen, die den Wert von Handarbeit erkennen und schätzen, machen wir unsere Handschuhe. Und für mich persönlich ist die Herstellung jedes einzelnen Paars nicht nur ein Handwerk, sondern auch eine Herzensangelegenheit es hat fast etwas Meditatives.

Seit einigen Jahren arbeitest du mit geflüchteten Frauen zusammen. Wie kam es dazu – und was bedeutet dir diese Form der Zusammenarbeit?
Durch die steigende Nachfrage konnte ich die Produktion nicht mehr allein bewältigen. Meine Kinder haben schon gehäkelt, waren aber irgendwann total genervt. Meine Schwiegermutter war damals in der Flüchtlingshilfe sehr aktiv und so kam der Kontakt zustande. Heute häkeln geflüchtete Frauen, die auf Minijob-Basis arbeiten, unsere Handschuhe. Die Frauen sind sehr glücklich über die Arbeit und das Geld, das sie verdienen, verwenden sie für sich selbst. Das gibt dem Ganzen einfach einen guten Vibe, den wir sehr schätzen.

Handschuhe sind ein stark saisonales Produkt. Wie gehst du damit um, dass der Großteil der Nachfrage in wenigen Monaten im Jahr besteht?
Handschuhe sind ein absolutes Saison-Geschäft. Das finde ich momentan gar nicht schlimm, weil ich ja auch als Grafikerin arbeite. Wenn ich das ganze Jahr nur Handschuhe machen würde, müsste ich mich entscheiden, die Grafik aufzugeben. Insofern bin ich da gar nicht böse drum. Die Produktion läuft aber das ganze Jahr über, da meine Mitarbeiterinnen auf Minijob-Basis das ganze Jahr über produzieren. Ich habe dann mein Lager, das sich füllt. Die Läden mit denen wir zusammenarbeiten bestellen im Sommer und bekommen ihre Ware im September.
Sind neue Produkte geplant? Denkst du über eine Erweiterung der Kollektion nach?
Wir haben gerade zwei Überlegungen. Zum einen denken wir darüber nach, im Shop auch handgemachte Sachen von anderen kleinen Labels aufzunehmen. Zum anderen möchte ich die Kollektion erweitern. Wir haben schon kleine Brillenetuis, die auch umhäkelt sind. Jetzt kommen noch Schlüsselanhänger dazu, die auch mit dem gelochten Leder und Umhäkeln funktionieren. Das finde ich cool, dass wir im gleichen Look bleiben, aber verschiedene Produkte anbieten. Das hat auch den Vorteil, dass wir das saisonale Geschäft mit den Handschuhen etwas aufbrechen können.



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