Drei Jahrzehnte FRIENDS OF CARLOTTA: Wo Schmuck zur Bühne wird

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Bruna Hauert

30 Jahre FRIENDS OF CARLOTTA – das ist weit mehr als ein Jubiläum. Es ist die Geschichte einer Frau, die nie aufgehört hat, neugierig zu bleiben: Bruna Hauert, Kabarettistin, Schmuckkünstlerin, Galeristin, Grenzgängerin. Seit drei Jahrzehnten verwandelt sie ihre Galerie in der Zürcher Altstadt in eine Bühne für zeitgenössischen Schmuck – mal humorvoll, mal provozierend, immer mit Aussage.

Was als mutige Idee begann, ist heute eine Institution: ein Ort, an dem Schmuck Geschichten erzählt, zur Kunstform wird und Humor zur Designstrategie. Bruna Hauert spricht im Interview über silberne Lockenwickler, fiktive Künstlerinnen, rebellische Ideen – und darüber, warum sie glaubt, dass guter Schmuck nicht glitzern, sondern funkeln sollte.

Erzähl mal: Wie groß war der Kulturschock, als du das Mikrofon gegen die Lötpistole getauscht hast? Hat das Goldschmiede-Atelier bzw. deine Schmuck-Galerie das gleiche Suchtpotenzial wie eine volle Kabarett-Bühne?

„Ja, das gleiche – einfach anders! Die Bühne hat sich nur ein bisschen verändert. Es ist halt nicht mehr das Hallenstadion – Scherz, die Bühnen waren immer klein –, sondern meine Schmuckstücke sind heute meine Bühne. Mit ihnen erzähle ich die Geschichten, die ich erzählen will.“

„Das verbindende Element zwischen Kabarett und Schmuck ist für mich ganz klar der Humor. Der zieht sich durch alles, was ich mache – ob ich auf einer Bühne stehe oder an der Werkbank sitze. In beiden Fällen geht es um Kommunikation, um Resonanz. Früher war das Publikum direkt vor mir, heute tragen Menschen meine Arbeiten in die Welt – und werden so selbst Teil der Geschichte.“

Carlotta – die Freie, die Kraftvolle. Würde wunderbar passen. Aber wer ist Carlotta tatsächlich?

„Carlotta ist das Phantom, das bei uns im Keller wohnt!“ (lacht) „Nein, ehrlich: Carlotta ist eine Erfindung, aber eine, die mir ans Herz gewachsen ist. Der Name stammt aus einem Film, den wir damals in der WG ständig gesehen haben. Irgendwann war ‚Friends of Carlotta‘ einfach da – wie ein gutes Lied, das nicht mehr aus dem Kopf geht.“

„Als ich anfing, Schmuck zu machen, hatte ich noch keine Galerie. Ich war mir unsicher, wollte aber trotzdem etwas schaffen, das mit mir zu tun hat. So entstand ‚Friends of Carlotta‘ – zuerst als mein persönliches Label, dann wurde es ganz selbstverständlich der Name der Galerie. Heute sind die Gestalter:innen, die Besucher:innen, die Schmuckstücke alle Friends of Carlotta.“

Die erste Dekade: Was war in den ersten zehn Jahren die wirklich haarigste Situation? Gab es Momente, in denen du dachtest: „Hätte ich doch beim Witzeschreiben bleiben sollen?“ 

„Oh, das Wort ‚haarig‘ trifft es ziemlich gut! Ich erinnere mich an einen Wettbewerb zum Thema Haare – und ich dachte, perfekt, das ist meins! Ich wollte den Lockenwickler salonfähig machen. Ich hatte das in den USA gesehen – Frauen, die mit ihren Wicklern einkaufen gingen, ganz selbstverständlich. Ich fand das wunderbar selbstbewusst, aber auch ganz schrecklich anzuschauen. Und dachte: Das geht auch als Schmuck!“

„Also habe ich silberne Lockenwickler entworfen – mit auswechselbaren Köpfen in allen Farben. Sie waren wunderschön schräg, funktional, tragbar und absolut ausgehfähig. Aber die Jury meinte: ‚Man kann nichts prämieren, was man nicht anziehen kann.‘ Da habe ich nur gefragt: ‚Hat’s denn jemand probiert?‘ Ich trug sie schließlich ständig! Das war der Moment, in dem ich gelernt habe: Humor hats im Kunstbetrieb nicht immer leicht.“ 

Man sagt, du erzählst mit deinem Schmuck Geschichten. Was ist der lustigste Witz oder die skurrilste Anekdote, die du jemals in einem Schmuckstück versteckt hast – und hat der Kunde ihn verstanden? 

„Oh ja, das war bei einem Wettbewerb zum Thema ‚Fiction‘. Ich habe mich erst angemeldet, dann wieder abgemeldet – und stattdessen eine fiktive Teilnehmerin erfunden: Dottie Maier. Ich schrieb ihr eine komplette Biografie – sie war in der Schweiz geboren, lebte in New York und hatte von ihrer Freundin Bruna Hauert von diesem Wettbewerb erfahren.“

„Dottie hat dann Lunchboxen für den Central Park entworfen – inspiriert von der Schweizer Ikone Betty Bossi, die ja gar nicht existiert! Dazu gehörten gehäkelte Tiere mit Mini-Lunchboxen – sogar ein schwules Pinguin-Paar, das in New York ein Küken großziehen wollte. Ich schickte Briefe im Namen von Dottie, führte E-Mail-Korrespondenzen mit den Veranstaltern, für die Dottie natürlich völlig real war.“

„Bis zur Preisverleihung wusste ausser mir (und meiner Familie) niemand, dass Dottie und ich dieselbe Person waren. Meine Kinder – damals noch klein – saßen im Publikum und kicherten die ganze Zeit. Es war herrlich absurd und genau das liebe ich: Schmuck als Bühne für Geschichten.“

Dein kuratierter Schmuck ist oft unkonventionell, mutig, manchmal frech. Wie viel Rebellion steckt in jedem Stück?

„So viel wie möglich!“, lacht sie. „Rebellion ist mein zweiter Vorname. Aber es ist keine aggressive Rebellion, sondern eine, die lächelt. Ich möchte Erwartungen hinterfragen, nicht zerstören. Ich spiele gerne mit Konventionen: Was ist tragbar? Was ist schön? Wer entscheidet das? Für mich ist Schmuck ein Gesprächsangebot, kein Statussymbol. Wenn Menschen stehenbleiben, lächeln oder irritiert sind – dann funktioniert es.“

Du holst Designer:innen aus der ganzen Welt nach Zürich. Nach welchen Kriterien wählst du aus? Gibt es eine Carlotta-Veto-Regel?

„Ich wähle nach Eigenständigkeit. Eine Arbeit muss eine eigene Sprache haben – egal, ob sie humorvoll, poetisch oder radikal ist. Ich mag keinen Dekoschmuck. Wenn hinter einem Stück kein Gedanke steckt, keine Geschichte, keine Aussage – dann interessiert es mich nicht besonders.“

„Ich finde, Schmuck muss nicht zwingend schön sein (er darf es natürlich). Viel wichtiger ist, dass er etwas erzählt, etwas ausdrückt. Wenn das Schmuckstück zur Persönlichkeit der Trägerin passt, etwas von ihr nach aussen trägt – dann ist das für mich gelungenes Design.“

Neben deinen berühmten Silberzwergen – was war das ungewöhnlichste Stück, das du je verkauft hast?

„Oh, da gibt es einige! Aber im Moment ist mein persönlicher Favorit eine Brosche von Benedikt Haener – sie sieht aus wie gewöhnliches Schleifpapier. Auf Distanz unscheinbar, fast banal. Aber sie ist bestückt mit 20 bis 30 Karat Labor-Diamanten, die genau dieses Funkeln imitieren, nur viel stärker. Auf der Rückseite steht sogar die Korngrösse, wie bei echtem Schleifpapier – und der Künstler hat frech drauf unterschrieben. Ich liebe das. Es ist Understatement pur – und eine großartige Täuschung.“

„Ich mag Schmuck, der überrascht, der seine Geschichte erst nach und nach preisgibt, und zum Denken anregt.“

Material-Liebe: Welches Material ist momentan dein persönlicher Favorit und warum? Und welches Material legst du gedanklich manchmal in die ewige Design-Warteschleife?

„Ich bin nicht Material fixiert. Ich beginne nie mit dem Material, sondern mit einer Geschichte. Und dann suche ich nach dem Medium, das sie erzählen kann. Manchmal ist das ein Edelmetall, manchmal Papier, manchmal Plastik. Ich habe nichts gegen edle Materialien – aber ich mag sie nicht, wenn sie nur zum Angeben da sind. Ich brauche Sinn, Kontext, Emotion. Ich liebe es, wenn Material Teil eines Gedankens ist – nicht nur ein Mittel zum Zweck.“

Material-Zukunft: Kaum jemand, der sich nicht an 3D Druckern probiert hat. Wie stehst du zu dieser Fertigungstechnik. Friend or enemy?

„Ich würde sagen: Werkzeug, nicht Feind. Ich liebe Technologie, wenn sie das Handwerk erweitert. Aber wenn sie es ersetzt, wird’s langweilig. 3D-Druck ist wie eine Sprache: Wenn du sie nur lernst, um damit zu reden, sagst du nichts Neues. Aber wenn du sie beherrschst, kannst du Poesie schreiben. Consuelo Keller zum Beispiel macht das großartig – ihre Ringe sind unmöglich von Hand zu fertigen, aber sie bleiben voller Gefühl und Präzision.“

Der größte Triumph: Neben dem Überleben auf dem Kunstmarkt: Welchen Erfolg von Friends of Carlotta feierst du innerlich am lautesten? 

„Sehr viel. Ich mag den Austausch mit den anderen Aussteller:innen und die Atmosphäre beim Aufbau. Die Lage mitten in der Stadt ist wunderbar, und das Publikum ist offen und interessiert. Viele meiner Kund:innen kommen jedes Jahr wieder. 2006 war ich das erste Mal dabei – das hat mir damals sehr geholfen, meinen eigenen Weg zu finden. Diese drei Tage sind jedes Mal etwas Besonderes.“ 

Wie hat sich dein Publikum über die Jahre verändert?

„Sehr. Früher wollten viele einfach etwas Schönes. Heute suchen sie nach Schmuck, der zu ihnen passt, ihre Persönlichkeit betont. Es ist weniger ‚Was kostet das?‘, mehr ‚Was bedeutet das?‘ geworden. Und das gefällt mir.“

„Ich sehe immer mehr jüngere Besucher:innen, die bewusst wählen, die Nachhaltigkeit und Handwerk schätzen. Und ältere Kund:innen, die Lust darauf haben, sich neu zu entdecken. Diese Mischung ist wunderbar – es ist kein elitäres Publikum, sondern ein neugieriges.“

Der Förderpreis: Der FoC Award ist ein wichtiger Beitrag zur Szene. Was ist das Verrückteste, was du bei einer Einreichung gesehen hast, das du heimlich geliebt, aber nicht prämieren konntest?

„Das war zum Thema Rule the World. Eine Arbeit von Julika Müller. Sie hieß Gewicht tragen und bestand aus einem massiven Eisenteil, das man um den Hals legte. Es war unbequem, schwer – aber sobald man es trug, veränderte sich die Haltung. Die Träger:innen richteten sich auf, als ob sie die Last annehmen würden. Das war Schmuck mit Wirkung.“

Auch meine eigene Arbeit, die ich bei diesem Wettbewerb einreichte, war für mich sehr besonders. Sie bestand aus lauter lächelnden Gesichtern ohne Augen, nur dieses versteinerte Lächeln. Es ging um Machtstrukturen, um die Jasager-Mentalität rund um Despoten, um Oberflächlichkeit und Angst. Ich habe sie anonym eingereicht, damit niemand weiß, dass sie von mir ist. Und tatsächlich wurde die Arbeit mit einem Sonderpreis ausgezeichnet! Das war ein schöner Moment – weil er zeigte, dass die Idee zählt, und wirklich verstanden wurde.“

„Aber der Award selbst ist für mich das Entscheidende. Ich möchte Gestalter:innen eine Plattform geben, die sich trauen, anders zu denken. Nicht mainstream, sondern mutig. Das ist für mich die DNA von Friends of Carlotta.“

Die Zukunfts-Wishlist: Welche große Vision hast du noch, die du unbedingt in der nächsten Dekade umsetzen möchtest? Gibt es den Traum von einer Weltreise-Ausstellung oder einem eigenen Schmuck-Musical? 

„Ich träume davon, wieder einmal richtig Zeit zu haben. Zeit, um an einem Thema zu forschen, um mich zu verlieren in einer Idee. Und vielleicht irgendwann eine Ausstellung in einer Straßenbahn – mit fahrenden Schmuckstücken, die durch Zürich rollen. Das wäre doch was, oder?“

„An der BLICKFANG werde ich zumindest den Miniatur-Traum davon zeigen – einen kleinen Güterzug, den ich mit Schmuck belade. Meine eigene kleine fahrende Ausstellung.“

Der Gründer-Tipp: Du hast das alles aufgebaut: Was ist der eine, schmerzhaft ehrliche Rat, den du allen jungen Designern und Galeriegründern mitgeben würdest? Und ist er eher kabarettistisch oder pragmatisch?

„Mach einfach. Fang an. Und bleib dran. Fehler sind kein Drama, sie sind dein Lehrgeld. Wichtig ist nur, dass du weißt, warum du etwas tust. Wenn du Schmuck machst, weil du ihn liebst – dann hast du schon gewonnen.“

„Und: Humor! Ohne Humor geht gar nichts. In dieser Branche schon gar nicht. Nimm dich selbst ernst, aber nicht zu sehr. Und lerne, dich über deine eigenen Ideen zu amüsieren – dann bleibst du lebendig.“

Das Schlusswort: Was wünschst du dir zum Jubiläum am allermeisten – sowohl für dich selbst als auch für die gesamte Friends of Carlotta-Familie?

„Freie Sicht zum Mittelmeer!“, sagt sie lachend. „Im übertragenen Sinn: Weite, Offenheit, Leichtigkeit. Ich wünsche mir, dass wir uns alle ein bisschen mehr trauen – in der Kunst, im Leben, im Denken. Dass Schmuck weiterhin Menschen verbindet, Geschichten erzählt, Gespräche anstößt. Das ist mein größter Wunsch: Keep on burning.“

An der BLICKFANG in Zürich kannst du Bruna persönlich kennenlernen und ihre Werke aus nächter Nähe bestaunen. Hier geht es zu den Tickets!

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