ROWAC-Schemel: Wie Alide und Dieter eine Bauhaus-Ikone im Erzgebirge neu zum Leben erwecken

Manchmal beginnt Designgeschichte auf dem Flohmarkt. Zwischen Patina, Rost und vergangenen Jahrzehnten steht plötzlich ein Objekt, das nicht laut ist – aber klar. Präzise. Zeitlos.
Für Alide und Dieter war es genau so ein Moment. Ein dreibeiniger Rowac-Schemel, genietet, reduziert, unverwüstlich. Ein Möbelstück, das mehr konnte als nur tragen. Es erzählte von Industriegeschichte, vom Bauhaus Weimar und von Haltung.
Heute – über hundert Jahre nach seiner ersten Produktion – steht der Schemel wieder in Werkstätten, aber auch in Studios, Lehrräumen und im Wohnraum. Gefertigt im Umkreis von 40 Kilometern, mit derselben konstruktiven Ehrlichkeit wie einst. Und mit einer Vision, die weit über Nostalgie hinausgeht.
Eine Begegnung, die alles veränderte
Zehn Jahre lebten Alide und Dieter in München. Flohmärkte gehörten zu ihren Ritualen. 2018 entdeckten sie zum ersten Mal einen Rowac Schemel zwischen alten Kisten und Fundstücken. „Wir haben diesen alten Schemel gesehen – und sofort gemerkt: Da hat sich jemand wirklich Gedanken gemacht“, erinnert sich Alide. Sie ist Augenoptikermeisterin, er Industriedesigner. Und beide waren fasziniert von der Detailtiefe dieses unscheinbaren Objekts.
Keine dekorative Spielerei. Keine modische Attitüde. Sondern technische Präzision.
Der Schemel war vollständig genietet. Die Füße gebördelt, nicht geschweißt. Die Verbindungen sichtbar. „Das war nicht einfach zusammengeschweißt und fertig“, sagt Dieter. „Das war konstruiert, getestet, raffiniert.“
Sie hielten einen Klassiker in Händen – einen der bekanntesten Entwürfe der Marke Rowac, die 1888 in Chemnitz gegründet wurde. Der Name steht für Robert Wagner Chemnitz. Und der Rowac Schemel war unter anderem in den Werkstätten des Bauhaus Weimar und Bauhaus Dessau im Einsatz.
Doch die Marke war verschwunden. Vergessen wie so viele ostdeutsche Unternehmen nach dem Zweiten Weltkrieg.


Ein Brief. Ein Anruf. Ein Neubeginn.
Anstatt nur zu recherchieren, schrieben Alide und Dieter einen Brief. Einen echten, physischen Brief an den damaligen Markenrechtsinhaber. Ihre Idee: die Marke gemeinsam wiederbeleben. Die Geschichte dokumentieren. Vielleicht sogar ein Buch schreiben.
2020 übernahmen sie die Markenrechte – nach einer Phase intensiver Gespräche und gegenseitigen Abtastens. Zuvor hatte es den Moment gegeben, der alles beschleunigte: Am 1. Januar 2020 klingelte das Telefon. „Damit hätten wir nicht so schnell gerechnet“, sagt Alide. Der Markeninhaber hatte selbst immer davon geträumt, Rowac zurückzubringen – doch es fehlten Zeit und Partner. Schließlich stellte er die entscheidende Frage: Ob sie die Marke übernehmen möchten.
Es war ein Vertrauensvorschuss. Und der Beginn einer Mission.
Vor allem aber war es eine bewusste Entscheidung für Tiefe statt Tempo: Nach der Übernahme arbeiteten sie die Geschichte von Rowac systematisch auf, um zu verstehen, „was hinter der Marke steckt – und was aus ihr in Zukunft werden soll“.
Der Schemel. Nicht der Hocker.
Für Alide und Dieter war von Anfang an klar: Es geht um den Rowac-Schemel. Nicht um einen Hocker.
Das Wort „Schemel“ ist bewusst gewählt – historisch korrekt und heute fast in Vergessenheit geraten. „Rowac hat immer vom Schemel gesprochen“, betont Alide. „Und wir wollen uns bewusst vom Hockermarkt absetzen.“ Es ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied. Ein Schemel ist kein beiläufiges Beistellmöbel. Er ist Werkzeug. Arbeitsgerät. Haltung.
Der dreibeinige Klassiker wurde originalgetreu rekonstruiert – als historisches Modell mit Holzsitzplatte. Sitzhöhe: 50 Zentimeter. „Er ist ein Arbeitsschemel“, sagt Dieter. „Für aktives Schaffen gedacht.“ Und ja, er ist höher als viele heutige Sitzmöbel. Aber genau das passt zu einem klassischen 75-Zentimeter-Tisch. Die ergonomische Logik von damals funktioniert noch immer.
Nieten statt Schweißen – eine Haltung zur Konstruktion
Das vielleicht eindrucksvollste Detail ist die Konstruktion.
Alle Verbindungen sind genietet. Sichtbar. Ehrlich. Reparierbar. „Eine Niete ist selbsterklärend“, sagt Dieter. „Man sieht, wie zwei Teile übereinanderliegen und verbunden sind.“ Im Gegensatz zu verschweißten oder verklebten Konstruktionen dehnt sich eine genietete Verbindung unter Überlastung eher, bevor sie bricht. Sie lässt sich reparieren. Jeder Schlosser kann eine Niete neu setzen. Und sie ist weniger energieintensiv in der Herstellung.
In einer Zeit, in der Carbonrahmen und nahtlose Oberflächen technische Perfektion inszenieren, wirkt der ROWAC-Schemel fast radikal. Keine versteckte Verbindung. Kein Designtrick. „Wir glauben, dass es eine Gegenbewegung braucht“, sagt Alide. „Mehr Ehrlichkeit.“


Über 100 Jahre Belastungstest
Auf dem Flohmarkt war der Schemel nicht zerfallen. Er war benutzt. Aber intakt.
Das ist vielleicht die stärkste Form von Nachhaltigkeit: gelebte Dauerhaftigkeit. Originale aus den 1910er- und 1920er-Jahren sind bis heute im Einsatz. „Wenn Robert Wagner gewusst hätte, dass seine Möbel über hundert Jahre später noch genutzt werden, er hätte sich gefreut“, sagt Alide.
Schon damals war der Schemel kein Billigprodukt. Er kostete mehr als Vergleichsmodelle. Doch die Kommunikation war klar: Über die Zeit ist er die günstigere Option.
Die Rechnung ging auf.
Produktion im 40-Kilometer-Radius
Mit der Markenübernahme kam eine weitere Entscheidung: Die Produktion sollte dorthin zurückkehren, wo sie ihren Ursprung hatte – nach Sachsen. Alide und Dieter zogen von München nach Leipzig.
In Sachsen entstehen Metallverarbeitung, Holzverarbeitung und Beschichtung innerhalb eines 40-Kilometer-Radius im Erzgebirge. Das Holz – Buche, inzwischen auch Eiche und Esche – stammt überwiegend aus regionalen Wäldern. Der Stahl kommt aus Brandenburg. „Wir wollten diese Fähigkeiten in der Region erhalten“, sagt Alide.
In einer globalisierten Produktionslandschaft wirkt dieser Radius fast utopisch. Und doch ist er Realität.
Eine Produktfamilie statt eines Mythos
ROWAC war historisch nie ein Ein-Produkt-Unternehmen. Und auch heute denken Alide und Dieter die Marke als Familie – mit klarer Typologie und nachvollziehbaren Modellen.
Bisher haben sie zwei historische Modelle originalgetreu wieder auf den Markt gebracht:
- MI-50 (Holzsitzplatte)
- MI-75 (Holzsitzplatte)
Und zwei Neuentwicklungen mit Stahlsitzplatte:
- MIS-48 (Stahlsitzplatte)
- MIS-73 (Stahlsitzplatte)
Die Stahlausführungen sind dabei mehr als nur „Materialwechsel“: Sie öffnen den Schemel in Richtung Outdoor, Werkstatt, Terrasse – und betonen seine funktionale Herkunft als Arbeitssitz.
Auf der diesjährigen BLICKFANG in Stuttgart zeigen sie außerdem einen nächsten Schritt: den Prototyp des ROWAC-Tisches – eine neue Interpretation, die die konstruktive Logik des Originals weiterträgt. „Das wird für uns ein riesengroßes Highlight“, sagt Alide. Es geht nicht um Retro. Sondern um Fortschreibung.


Farbe als zeitgenössische Geste
Neben Schwarz glänzend und Schwarz matt bringen neue Farbvarianten eine eigene Handschrift ins Spiel: Mountain Green und Blueprint.
Hinzu kommen zwei Sonderfarben, die in Zusammenarbeit mit dem ZEIT-Shop entstanden:
Blue Moon und Red Brick. Sie wirken wie eine leise Verneigung vor Architektur und Materialkultur – und geben dem Schemel eine zusätzliche Ebene zwischen Objekt und Umgebung. Nicht schrill, sondern kuratiert.
Zum -entstand zudem eine limitierte Edition mit Zink-Nickel-Beschichtung – eine mikrometerdünne, extrem widerstandsfähige Oberfläche, wie sie in der Automobilindustrie eingesetzt wird. Die ersten 100 Stück haben eine Gravur mit der Produktionsnummer erhalten und zudem einen Kunstdruck: Ein Bauhäusler mit einem Rowac-Schemel.
Die Sonder-edition ist ausverkauft. Die Blue Moon Edition bleibt.
Zwei Lebenswege, ein Projekt
Was als Flohmarktfund begann, ist heute Familienprojekt. Dieter arbeitet weiterhin zu 60 Prozent als Industriedesigner. Alide entschied sich nach der Geburt ihres Kindes 2024 bewusst für Rowac. „Wir haben das nie geplant“, sagt sie. „Es ist einfach zu uns gekommen.“
Vielleicht ist es genau diese Ungeplantheit, die dem Projekt seine Leichtigkeit verleiht. Und seine Glaubwürdigkeit.
Fazit: Eine Ikone mit Zukunft
Der Rowac-Schemel ist kein nostalgisches Relikt. Er ist ein Beweis.
Dass Konstruktion sichtbar sein darf.
Dass Regionalität mehr sein kann als Marketing.
Dass ein über hundert Jahre alter Entwurf aktueller wirken kann als viele Neuheiten.
Bei der BLICKFANG Stuttgart wird man nicht nur auf einem Schemel sitzen. Sondern auf einem Stück Industriegeschichte – neu gedacht, präzise gefertigt, mit Haltung. Und vielleicht beginnt die nächste Designgeschichte wieder ganz unspektakulär: mit einer Begegnung am Stand von Rowac.
