Faire Mode für Faire Frauen: Ein Gespräch mit Maria Seifert

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Maria Seifert Gründerin von "Maria Seifert" und Leiterin der Manufaktur Seifert
Maria Seifert Gründerin von "Maria Seifert" und Leiterin der Textilmanufaktur Seifert

© Victoria Kaempfe

Manchmal beginnt Veränderung mit einer klaren Entscheidung. Für Maria Seifert bedeutete das, zurückzugehen: zurück nach Sachsen, zurück in die Produktion – und hinein in eine Rolle, die in der Modebranche selten geworden ist. Designerin, Unternehmerin und Produktionsverantwortliche in einer Person.

Mit ihrer Manufaktur verbindet sie Gestaltung und Herstellung so direkt wie kaum jemand. Während Mode oft über Trends und Saisons erzählt wird, geht es ihr um Menschen, Arbeitsrealitäten und die Frage, welchen Wert Kleidung wirklich hat.

Ihr Weg führte vom Designstudium und vielen Jahren in der Berliner Kreativ- und Kostümszene zurück in die textile Produktion. Als die Inhaberin der Manufaktur, in der ihre Kollektionen gefertigt wurden, aus Altersgründen aufhören wollte, übernahm Maria Seifert den Betrieb – auch, um Arbeitsplätze zu sichern und handwerkliches Know-how zu erhalten.

Heute bewegt sie sich zwischen Design, Produktion, Vertrieb und Unternehmensführung – und zeigt, dass Mode mehr sein kann als ein Produkt: nämlich ein System, das man aktiv mitgestalten kann.

© Sebastian Donath

„Faire Mode für faire Frauen“ – was steckt für dich hinter diesem Claim?

Für mich bedeutet das mehrere Ebenen: Natürlich geht es zuerst um die Materialien – also ökologisch vertretbare Stoffe, viel GOTS-zertifizierte Baumwolle, Tencel und ähnliche Materialien. Aber es geht genauso darum, für wen und unter welchen Bedingungen produziert wird.

Wir sprechen Frauen an, die bewusst konsumieren – die nicht nur auf ökologische Stoffe achten, sondern auch darauf, dass Kleidung in einem Frauenunternehmen entsteht und Arbeitsplätze für Frauen sichert. Gerade in einer Branche, die extrem vom Preiskampf geprägt ist, ist das ein riesiges Thema.

International – aber auch in Europa – sehen wir teilweise Zustände, die für mich schon Richtung Menschenrechtsverletzungen gehen. Menschen müssen von ihrer Arbeit leben können. Und auch in Deutschland stehen wir permanent unter Preisdruck. Deshalb wollen wir viel transparenter kommunizieren und Kund:innen ansprechen, die sich dieser Situation bewusst sind und solche Unternehmen aktiv unterstützen.

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Du bist heute Geschäftsführerin, Designerin und Unternehmerin zugleich. Wie bist du in diese Rolle gekommen?

Die Eigenmarke hatte ich schon vorher – die habe ich nicht übernommen, sondern selbst aufgebaut. Die Textilproduktion habe ich später gekauft, als die vorherige Inhaberin aus Altersgründen aufhören musste.

Ich habe Modedesign in Berlin studiert und etwa 15 Jahre dort gelebt und gearbeitet, vor allem im Kostümbereich. Ehrlich gesagt hatte ich nie den Plan, mich mit einer eigenen Marke selbstständig zu machen. Ich bin eher so reingerutscht – und habe dann gemerkt, dass es funktioniert.

2015 bin ich nach Leipzig zurückgekehrt und habe als Freelancerin gearbeitet. Darüber kam der Kontakt zur Textilmanufaktur zustande, in der meine Sachen produziert wurden. Als klar war, dass die Produktion schließen würde, habe ich mich entschieden, sie zu übernehmen – vor allem, um sie zu erhalten und die Arbeitsplätze zu sichern.

Der Beruf der Industrienäherin verschwindet langsam. Und ich finde: Das muss nicht sein.

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Wie sieht dein Arbeitsalltag heute konkret aus?

Ich mache viel Vertrieb und Pressearbeit, aber ich arbeite auch aktiv in der Produktion mit. Seit drei Jahren bin ich im Zuschnitt eingearbeitet und arbeite dort regelmäßig mit. Das war mir extrem wichtig. Wenn du selbst im Prozess stehst, verstehst du Preisverhandlungen ganz anders. Du weißt, was Arbeitsschritte bedeuten, wo Kompromisse möglich sind – und wo eben nicht.

Viele unterschätzen total, was es heißt, Kleidung in Serie unter Zeitdruck herzustellen. Gleichzeitig bist du als Geschäftsführerin natürlich auch für Büro, Kommunikation, Personalthemen und Organisation verantwortlich. Am Ende bist du irgendwie für alles zuständig.

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Wie war es, eine bestehende Produktion mit erfahrenen Mitarbeiterinnen zu übernehmen?

Das war ein Prozess. Vor allem im Erzgebirge musst du dir Vertrauen wirklich erarbeiten. Ich musste sehr genau zuhören, Bedürfnisse verstehen und sensibel vorgehen.

Ich komme auch aus Konzernstrukturen, aus Betriebsratsarbeit – aber so kannst du hier nicht führen. Du musst viel transparenter und persönlicher kommunizieren. Ich war sehr präsent in der Produktion, habe viel mitgearbeitet und offen über wirtschaftliche Situationen gesprochen.

Heute haben wir ein sehr gutes Teamgefühl. Der Krankenstand ist extrem niedrig, wir haben auf eine Vier-Tage-Woche reduziert – und das Miteinander ist wirklich stark.

Warum ist dir Produktion in Deutschland so wichtig?

Wir haben eine eigene Produktionsstätte – und damit auch Verantwortung für Arbeitsplätze. Dazu kommen kurze Kommunikationswege, schnelle Entscheidungen und direkte Kontrolle über Qualität.

Wenn jemand wirklich extrem günstig produzieren will, muss er sehr weit weg produzieren. Europa ist gar nicht so günstig, wie oft behauptet wird. Und für mich geht es auch um Wertschätzung für den Beruf der Industrienäherin hier in Deutschland.

Ich werde niemals zulassen, dass jemand für mich ein T-Shirt für fünf Euro näht. Das ist menschenunwürdig. Jeder, der selbst an der Maschine gearbeitet hat, weiß, dass das nicht funktionieren kann.

Wie unterscheidet sich die Produktion für externe Marken von deiner Eigenmarke?

Die Abläufe sind eigentlich sehr ähnlich. Der Unterschied liegt vor allem in der Vorbereitung: Welche Materialien werden verwendet, welche Logistik wird benötigt, welche Verpackung oder Versandstruktur verlangt der Kunde.

Manchmal entwickeln wir auch Schnitte oder unterstützen stärker in der Produktionsvorbereitung. Aber grundsätzlich ist Produktion Produktion – egal für wen.

Deine Eigenmarke stand zuletzt etwas im Hintergrund. Warum?

Weil wir zuerst den B2B-Bereich stabil aufbauen mussten. Die Produktion musste laufen, die Aufträge mussten gesichert sein.

Jetzt wollen wir wieder stärker auf unsere eigene Marke fokussieren – unter anderem über die Teilnahme an der BLICKFANG. Uns fehlt aktuell vor allem der direkte Kontakt zu Kund:innen. Online bekommst du nur begrenzt Feedback.

Wie wichtig ist dir dieser direkte Kundenkontakt?

Extrem wichtig. Online bekommst du vielleicht eine Retoure mit „zu groß“ oder „zu klein“. Aber du spürst nicht wirklich, wie Produkte ankommen.

Ich will sehen, wie Menschen reagieren, wenn sie die Kleidung anfassen, anprobieren, erleben. Und ich will dieses direkte Feedback – auch für das Team. Wenn ich zurückkomme und sagen kann: Es kam gut an, die Verarbeitung wurde gelobt – das ist für alle ein riesiges Signal.

Wer trägt deine Mode?

Unsere Kundinnen sind unglaublich unterschiedlich – vom Alter her etwa Mitte 20 bis Mitte 60 oder sogar 70. Das freut mich total, weil wir nie nur eine Altersgruppe ansprechen wollten.

Es sind Menschen, die Qualität und Passform schätzen, aber keine komplett durchoptimierte Konfektionsmode wollen. Die Kleidung darf bequem sein, flexibel im Alltag funktionieren und trotzdem gut aussehen.

Wir haben viele treue Kundinnen, die immer wieder bestellen – und aktiv fragen, was als Nächstes kommt. Das ist für mich extrem wertvoll.

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Was bedeutet die Teilnahme an der BLICKFANG für dich?

Es ist ein wichtiger Schritt, um unsere Eigenmarke wieder stärker sichtbar zu machen. Natürlich hoffen wir auf Verkäufe – aber genauso auf Feedback, Austausch und direkte Bestätigung. Und ehrlich gesagt: Für mich zählt am Ende die Reaktion der Endkundin. Wenn sie sagt: „Bleibt bei euren Farben“ oder „Wir wollen mehr davon“ – dann ist das für mich entscheidend.

Auf der BLICKFANG in Stuttgart kannst du Maria persönlich kennenlernen ihre Kleidungsstücke aus der Manufaktur anprobieren und direkt mitnehmen!

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