Von gefallenen Bäumen zu zeitlosen Tischen: Wie Sára Kele und MOA Woodman Zero Waste in emotionales Design verwandeln
Es gibt Objekte, die einen Raum einfach nur füllen – und es gibt jene, die unsere Sicht auf Materialien grundlegend verändern.
Auf den ersten Blick wirken die Tische der ZERO Collection ruhig und beinahe archetypisch: massives Holz, weiche Kanten, ehrliche Proportionen. Doch tritt man näher heran, beginnen die Oberflächen zu erzählen. Jahresringe ziehen sich wie Landschaften durch das Holz, Risse zeichnen die vergangenen Jahre nach, Farbtöne wandern von warmem Honig bis zu tiefem Anthrazit.
Für ihr Studio erforscht Sára Kele seit vielen Jahren, wie Design zugleich zukunftsorientiert und verantwortungsbewusst sein kann – indem Nachhaltigkeit, Handwerk und zeitgenössische Ästhetik zu Möbeln verschmelzen, die Generationen überdauern. Gemeinsam mit dem Schreiner Attila Molnár-Odri und Ádám Pavel von MOA Woodman geht sie diesen Weg nun konsequent weiter.

Ihre Zusammenarbeit, die ZERO Collection, entsteht vollständig aus „gerettetem Holz“: Bäumen, die aufgrund von Krankheit oder natürlichen Einflüssen gefällt werden mussten. Diese werden nach dem Zero-Waste-Prinzip und mit größtmöglichem Respekt vor dem Material in Tische verwandelt.
An der BLICKFANG Basel – wo das studio mit dem Future Forward Award ausgezeichnet wurde – können Besucher:innen diese Stücke aus nächster Nähe erleben, die Maserung mit den Händen ertasten und die Geschichten entdecken, die in jeder Oberfläche verborgen liegen.
Wir haben mit Sára Kele und Attila Molnár-Odri über Nachhaltigkeit jenseits von Schlagworten, intuitive Entwurfsprozesse und die Frage gesprochen, warum Möbel länger leben sollten als wir selbst.

Sára, deine Arbeit bewegt sich zwischen Industriedesign, Handwerk und Nachhaltigkeit. Für alle, die dich auf der BLICKFANG zum ersten Mal kennenlernen: Wie würdest du dein Studio beschreiben und was treibt deinen Gestaltungsansatz an?
Sára: „Ich bin ausgebildete Industriedesignerin, aber mein Hintergrund umfasst auch Architektur, Ästhetik und Kulturanthropologie. All diese Perspektiven beeinflussen, wie ich über Objekte nachdenke. Für mich geht es bei Design nie nur um Form. Ich betrachte immer das große Ganze: Wie etwas produziert wird, welche Materialien eingesetzt werden, wie lange es hält und welche Auswirkungen es auf Umwelt und Menschen hat.
Im sarakele studio versuchen wir Möbel zu entwerfen, die schlicht und zeitlos sind und traditionelles Handwerk mit innovativen Technologien verbinden. Nachhaltigkeit ist keine zusätzliche Schicht – sie ist der Ausgangspunkt jeder Entscheidung.“

Du sprichst oft von „conscious design“, also bewusstem Gestalten. Was bedeutet das konkret in deiner täglichen Arbeit, besonders im Umgang mit Materialien und Produzent:innen?
Sára: „Es bedeutet, Verantwortung für den gesamten Lebenszyklus eines Objekts zu übernehmen. Ich hinterfrage, woher das Material stammt, wie es verarbeitet wird und ob es auch in zwanzig oder fünfzig Jahren noch Wert hat. Ich arbeite gern lokal und eng mit Handwerker:innen zusammen, weil man unglaublich viel von ihrem Wissen lernt und die Qualität besser kontrollieren kann.
Gleichzeitig lehne ich industrielle Prozesse nicht ab. Ich glaube, die Zukunft liegt in der Verbindung von Handwerk und intelligenter Produktion – die Seele des Handgemachten zu bewahren und es gleichzeitig langlebig und zugänglich zu machen. Und vor allem: Ich entwerfe nicht nach Trends. Ich entwerfe Dinge, die Menschen ein Leben lang behalten können.“

Wie habt ihr beide euch kennengelernt – und was hat euch dazu bewegt, gemeinsam zu arbeiten?
Sára: „Wir sind uns zuerst auf einer Ausstellung begegnet, auf der wir alle einige unserer Arbeiten gezeigt haben. Die Verbindung fühlte sich von Anfang an ganz natürlich an. Wir teilen dieselbe Haltung zu Materialien und Nachhaltigkeit.“
Attila: „Ja, wir haben uns sofort verstanden. Nach einem kurzen Gespräch zeigte sie mir ihre Entwürfe und sie entsprachen genau dem, was ich mir vorgestellt hatte. Das passiert nicht oft.“
Sára: „Also dachten wir: Warum nicht etwas von Grund auf gemeinsam entwickeln, statt nur projektweise zusammenzuarbeiten? So ist die ZERO-Kollaboration entstanden.“
Die Kollektion folgt einem strikten Zero-Waste-Prinzip: Tischplatte und Beine entstehen aus derselben Bohle. Wie hat diese Idee den Entwurf beeinflusst?
Sára: „Wir behandeln das Holz fast wie ein Puzzle. Was wir für die Tischplatte herausschneiden, wird zu Beinen oder anderen Konstruktionselementen. Das Design entwickelt sich direkt aus dem Material heraus. Wir versuchen, wirklich jedes Stück zu nutzen, ähnlich wie Zero-Waste-Methoden in der Mode. Reste werden zu kleineren Objekten weiterverarbeitet, bis nichts mehr übrig bleibt. Deshalb heißt die Serie auch ZERO.“
Attila: „Das Material ist einfach zu kostbar, um es zu verschwenden. Wenn man mit Bäumen arbeitet, die manchmal über hundert Jahre alt sind, kann man nichts einfach wegwerfen.“

Die Formen wirken sehr ruhig und organisch, fast so, als würde das Holz selbst die Gestalt vorgeben. Wie viel Kontrolle gebt ihr dem Material?
Sára: „Sehr viel. Natürlich gestalten wir die Proportionen, aber wir wollen das Holz nicht in strenge Geometrien zwingen. Manchmal entwirft man weniger und hört mehr zu. Die Maserung, die Risse, die natürlichen Kanten – sie sagen dir schon, was das Objekt werden möchte. Deshalb ist jedes Stück ein Unikat.“
Attila: „Ja, kein Tisch gleicht dem anderen. Und wir wissen genau, wo jeder Baum herkommt. Wir begleiten den gesamten Prozess, vom Stamm über das Sägen bis zum Trocknen. Hinter jedem Stück steht eine komplette Geschichte.“
Könnt ihr uns die Geschichte hinter der ZERO Collection erzählen – und besonders die der Materialien?
Attila: „Unsere Rohstoffe sind gerettete Materialien. Alte Bäume, die wegen Krankheit oder natürlicher Ursachen gefällt werden mussten. Seit sieben Jahren sammeln wir solche Stämme, damit sie nicht einfach als Brennholz enden. Das ist kein Greenwashing – es ist wirklich umweltfreundlich. Die Geschichte des Materials ist genauso wichtig wie das Design. Für gutes Design muss man keine gesunden Bäume fällen.“
Sára:„Für uns ist das Holz bereits voller Wert und Geschichte. Jede Bohle hat eigene Muster, Risse und Farbtöne. Wir wollten das nicht verstecken, sondern bewusst sichtbar machen.“
Ihr sprecht beide viel über Langlebigkeit. Was macht ein Möbelstück für euch so wertvoll, dass man es jahrzehntelang behält?
Sára: „Ich glaube, wir brauchen einfach nicht so viele Dinge. Als ich eine Zeit lang mit meiner Familie im Ausland lebte, hatten wir nur wenige Gegenstände und das fühlte sich unglaublich befreiend an. Heute möchte ich lieber weniger, aber bessere Stücke schaffen: ehrliche Materialien, gute Konstruktionen, zeitlose Formen. Möbel, die man sich vorstellen kann an Kinder oder Enkel weiterzugeben. Wenn etwas fünfzig oder hundert Jahre bleibt, dann ist das echte Nachhaltigkeit.“

Ihr präsentiert die Kollektion auf der BLICKFANG Designmesse und habt den Future Forward Award erhalten. Was bedeutet euch diese Auszeichnung – und was sollen Besucher:innen von eurem Stand mitnehmen?
Sára: „Es ist eine wunderbare Bestätigung und eine tolle Gelegenheit, unsere Arbeit Menschen zu zeigen, die sich wirklich für Design interessieren. Ich bin gespannt, wie sie emotional reagieren, ob sie die Geschichte spüren, ohne dass wir viel erklären müssen.“
Attila: „Wir möchten, dass sie das Holz berühren. Wenn man echtes Massivholz anfasst, versteht man sofort. Und hoffentlich sehen die Leute, dass nachhaltige Möbel nicht kompliziert sein müssen – sondern einfach ehrlich und schön.“
Auf der BLICKFANG Basel haben Besucher:innen die Möglichkeit, Sára und Attila persönlich zu treffen, die ZERO-Tische selbst zu erleben und zu entdecken, wie aus gefallenen Bäumen langlebige Begleiter für den Alltag werden können. Hier Tickets kaufen!