Zwischen Decke und Idee – ein Gespräch mit Kord Johann Averdunk von canopie®

Kord Johann Averdunk von canopie®

Manchmal beginnt gute Gestaltung genau dort, wo man sich im Alltag ärgert. Ein Kabel, das aus der Decke hängt. Ein Baldachin, der nicht richtig funktioniert und nie wirklich dazugehört. Kord Johann Averdunk hat diesen unscheinbaren Moment nicht übersehen, sondern weitergedacht. Aus einer persönlichen Irritation entstand Schritt für Schritt eine gestalterische Lösung, die nicht versteckt, sondern bewusst inszeniert wird. Im Gespräch erzählt er von technischen Experimenten, gestalterischer Neugier und der Idee hinter seinem Label canopie®, selbst der Zimmerdecke mehr Individualität zu verleihen
Was war der ursprüngliche Impuls zur Gründung von canopie® – und wann war klar, dass daraus ein eigenständiges Label entstehen soll?
„In meinem Schlafzimmer hatte ich einen Lampenbaldachin montiert. Aus der Decke ragte noch ein Stück Kabel, das ich in der Mietwohnung nicht abschneiden wollte. Also band ich es zusammen und versuchte, den Baldachin darüberzusetzen. Doch er saß schief, weil das Kabelpaket im Weg war. Ich probierte verschiedene Lösungsansätze aus, wirklich funktioniert hat es nicht, und er saß weiterhin schief an der Decke. Das hat mich jedes Mal gestört, wenn ich ins Bett ging oder aufstand.
Durch mein Produktdesign-Studium stelle ich mir in solchen Momenten dann die Frage: Warum sieht etwas so aus, wie es aussieht? Und geht das nicht auch anders, kann da nicht z. B. ein Schweinerüssel aus der Decke ragen, aus dessen Mund das Kabel kommt? Also analysierte ich die klassische Form des Baldachins – Spritzguss, Entformbarkeit, keine Hinterschnitte.
Dann kam die Idee, ob 3D-Druck eine Alternative sein könnte. Da ich auch als Goldschmied arbeite und viel mit CAD konstruiere und modelliere, war das Erstellen neuer Formen nicht die Herausforderung. Entscheidend war die Wahl des passenden Druckverfahrens, des Materials und einer effizienten Herstellung. Schließlich kaufte ich mir einen eigenen 3D-Drucker und begann zu experimentieren, mit Konstruktionen, Parametern und Materialien. Auch die Art der Montage habe ich in dem Zuge überarbeitet, also wie der Lampenbaldachin leicht, schnell und sicher an der Decke gehalten wird. Wenn man einmal anfängt, sieht man plötzlich alles durch die Lampen-Baldachin-Brille. So ist das Projekt Schritt für Schritt entstanden.“



Formenvielfalt von canopie®
Wie würdest du deinen Background beschreiben – Produktdesigner, Tüftler, Quereinsteiger?
„Ich habe mich von Kindheit an mit schönen Dingen beschäftigt und im Dentallabor meines Vaters mit ca. 15 Jahren angefangen, Schmuck zu machen, dann nach der Schule eine Goldschmiedeausbildung in Pforzheim absolviert und als Goldschmied auch im Ausland gearbeitet, unter anderem in Kanada.
Dort habe ich gesehen, wie erste Entwürfe am Computer entwickelt wurden und wie 3D-Druck im Schmuckbereich eingesetzt wird. Da habe ich entschieden: Ich möchte kein reines Schmuckdesign studieren, sondern Produktdesign – weil das beides verbinden kann.
Ich probiere einfach immer viele Dinge aus. Meine Wohnung gleicht eher einem Experimentierlabor. Wenn mich im Alltag etwas stört, versuche ich es zu verbessern. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich Linkshänder bin und oft merke, dass Dinge nicht für mich gedacht sind. Dieses Hinterfragen von Gewohnheiten und Gegebenem gehört für mich zur Alltagsbereicherung dazu.“
Ihr möchtet Menschen dazu ermutigen, ihren persönlichen Stil sichtbar zu machen. Warum spielt Individualität für euch im Design eine so zentrale Rolle?
In fast jedem Raum gibt es in der Mitte an der Decke einen Gegenstand, den man meist nur wählt, weil es kaum Alternativen gibt. Natürlich kann man sagen, er ist schlicht und nimmt sich zurück – aber oft war es die Wahl des kleinsten Übels. „Der Lampen-Baldachin ist in meinen Augen der Blindspot des Interior Designs. Und das, obwohl er meist mitten im Raum ist. Betrachten Sie mal Interioraufnahmen, fast nie ist der Lampenbaldachin darauf, weil er ein reines Funktionsdetail ist, selten gestaltet, vielleicht farblich oder materiell auf den Lampenschirm abgestimmt.
Genau dieses Selbstverständnis wollte ich beim Baldachin hinterfragen. Warum nicht auch dort etwas Eigenes haben? Das sind ja Skulpturen für die Decke,vielleicht etwas Lustiges, einen Aha-Effekt oder ein Highlight? Etwas, was mit der Einrichtung oder dem Einrichter korrespondiert, wo man sagt: Das hat noch gefehlt, das finde ich richtig gut. Wir haben organische und geometrische Formen, mehrfarbige Varianten – Dinge, bei denen man hochschaut und vielleicht lächelt oder eine Erinnerung damit verbindet.
Es ist unsere erste Messe, die BLICKFANG, und ich bin gespannt, wie die Menschen reagieren, ob es für sie nebensächlich ist oder ob sie sagen: ‚Darüber habe ich noch nie nachgedacht.‘ Gerade die BLICKFANG sehe ich dabei als wertvolle Möglichkeit, mein Produkt im realen Marktumfeld zu testen und direktes, ehrliches Feedback vom Publikum zu bekommen.“
Eure Produkte sollen Freude machen und Persönlichkeit ausdrücken. Wie übersetzt sich dieser Anspruch konkret in Form, Farbe und Funktion?

„Es gibt unterschiedliche Oberflächen, alle Kabelabdeckungen gibt es in Mattweiß mit einer fast gipsartigen Oberfläche, die die Skulpturalität der Formen sehr unterstreicht, aber auch in Glanz, die sind lauter und farbenfroher, fast wie Blumen für die Decke.
Ich selbst wohne eher schlicht, aber ich habe zum Beispiel eine neongelbe, facettierte Kabelabdeckung in Matt gewählt, die auch noch auf einer Stuckrosette sitzt, weil ich das als Spot so mag, gerade auch wegen des entstehenden Kontrasts.
Ich habe viele Formen entwickelt, und wir haben versucht, sie zu strukturieren und Oberthemen gefunden wie – Geometrisch, Flora und Fauna, Freiformen und Symbole. Mit dieser Vielfalt vom Dodekaeder über Blüten und Tierköpfe, Wirbelstürme oder Ballonherzen bis zur Zitrone oder dem Sahnehäubchen gibt es doch vielleicht Schnittmengen mit Räumen, den Möbeln oder Vorlieben der Bewohner, die ihre Fantasie anregt und vielleicht mit etwas zeitlichem Abstand eine Einsatzmöglichkeit erwägen.“

Nachhaltigkeit spielt auf der BLICKFANG eine zentrale Rolle. Wie setzt ihr dieses Thema im Design- und Entwicklungsprozess konkret um?
Wir verwenden daher PLA, einen Kunststoff, der aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt wird und sogar industriell kompostiert werden kann. Der Materialeinsatz ist fertigungstechnisch auf ein Minimum optimiert. Produktionsabfälle sortieren wir und schicken sie an entsprechende Firmen zurück.
Wir produzieren bewusst in Deutschland, auch bei der Verpackung haben wir von Anfang an Entscheidungen getroffen: zertifiziertes Papier, kein zusätzlicher Lack, nur schwarzer Aufdruck und ein Aufkleber. Und bei den Versandkartons haben wir uns auch für ein neues Kreislaufsystem für Verpackungen entschieden, sodass die Kartons mehrfach genutzt werden.
Und dann ist da noch der gestalterische Ansatz: Wenn ein Objekt eine ästhetische Wertigkeit hat, behält man es länger oder gibt es weiter. Das war der Gedanke – einem Gegenstand durch eine besondere Gestaltung ein längeres Leben zu geben.“
Wie viel Experiment und wie viel Präzision steckt in der Entwicklung eines neuen Produkts?
„Nach der Idee kommen die technischen Anforderungen. Bestimmte Winkel dürfen nicht zu flach sein, sonst brechen Teile oder es gibt Löcher.
Ich konstruiere, drucke, korrigiere, bis es technisch und gestalterisch funktioniert, so durchläuft jeder Entwurf ein paar Runden in der Optimierung zwischen Druck und im CAD, bis er seine eigenen Parameter hat und zur Serie freigegeben wird.
Jedes Filament, das ist der Kunststoffdraht, aus dem die Baldachine gefertigt werden, verhält sich anders, manchmal sogar jede Farbe. Das kann tricky sein. Aber wenn man es einmal verstanden hat, macht es Spaß, neue Dinge auszuprobieren.
Ich habe Freude daran, Dinge in Frage zu stellen und zu prüfen, ob es nicht auch anders geht.“

canopie® Design im Druck
Wo findest du Inspiration für neue Formen und Ideen?
Ich gehe mit offenen Augen durch die Welt und betrachte sie durch verschiedene Produktbrillen. Neulich stand ich vor einem Sushi-Laden und dachte: Eigentlich müsste dort an der Decke doch ein Thunfischkopf als Lampenbaldachin hängen.
Solche Gedanken kommen unter der Dusche oder unterwegs. Ich habe immer ein Skizzenbuch dabei oder spreche mir Ideen ins Handy.
Dann beginnt die Auseinandersetzung mit der Umsetzung: Es müssen Stilisierungen vorgenommen werden, Winkel anpassen, technische Lösungen finden. Der ursprüngliche Gedanke verändert sich dabei manchmal stark, und manchmal ist das auch frustrierend. Aber wenn es gelingt, ist es umso schöner.“
Wenn Besucher:innen nach dem Messebesuch an euren Stand zurückdenken – was sollen sie über canopie® verstanden haben?
„Dass das da oben auch ein Einrichtungsgegenstand ist. Dass es keine Standartbaldachine sein muss und man dort oben auch gestalten kann und sehr individuell unterwegs sein kann. Vielleicht gehört ein bisschen Mut dazu. Aber wenn man es einmal gesehen hat, kann man jeden Raum neu betrachten und das vielleicht sogar mit einem Lächeln. Ich würde mir wünschen, dass sie Inspiration mit nach Hause nehmen.“
Auf der BLICKFANG Stuttgart kannst du Kord Johann Averdunk persönlich kennenlernen und eintauchen in die Welt von canopie®. Hier geht es zu den Tickets!