Masche für Masche zur eigenen Handschrift – Die Geschichte hinter KöpkeKöpke

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Porträt von Ulrike von koepke koepke
Ulrike von KöpkeKöpke

Der erste Eindruck von KöpkeKöpke entsteht oft vor dem Spiegel. Eine Frau zieht einen Pullover über, wollte eigentlich nur kurz probieren, dreht sich zur Seite und lächelt plötzlich. „Man sieht richtig, wie sie sich verlieben“, sagt Ulrike Köpke. Genau um diesen Moment geht es ihr.

In einer Zeit, in der Mode immer schneller, lauter und austauschbarer wird, entsteht in ihrer Zürcher Familienmanufaktur etwas anderes: Strick, der bleibt. Der sich wie eine zweite Haut anfühlt. Der eine Geschichte trägt.

Im Interview erzählt Ulrike Köpke, warum bei ihr nicht der Traum vom Label am Anfang stand, sondern das Handwerk und wie aus einer Kinderzeichnung ein Pullover wurde, der heute bis nach London oder Amerika reist.

Ulrike, wie begann dein Weg, bevor KöpkeKöpke offiziell gegründet wurde?

Ich habe Architektur an der UDK in Berlin studiert. Das war prägend, weil ich dort gelernt habe, sehr genau hinzusehen. Proportionen, Materialität, Konstruktion, nichts ist zufällig. Dieser Blick begleitet mich bis heute.

Gleichzeitig habe ich seit meinem vierzehnten Lebensjahr gemodelt. Ich war früh in Mailand und Paris unterwegs, habe Designer:innen kennengelernt und Mode aus nächster Nähe erlebt. Lustigerweise sogar Sonia Rykiel, die als Königin des Stricks gilt.

Aber ich hatte nie den Plan, selbst Mode zu machen. Es war kein Kindheitstraum, kein strategischer Karriereplan. Es ist organisch entstanden. Im Rückblick ergibt alles Sinn, aber damals war es eher ein Prozess als ein klarer Entschluss.

Warum war von Anfang an klar, dass ihr selbst und lokal produziert?

Weil bei uns nicht das Label im Mittelpunkt stand, sondern das Handwerk. Meine Mutter hat schon während ihres Studiums gestrickt und sich damit Geld verdient. Diese Leidenschaft war immer da.

Als wir angefangen haben, ging es uns darum, wieder selbst herzustellen. Garne auszuwählen, Programme zu schreiben, die Maschine einzufädeln und am Ende zu sehen, was wirklich entstanden ist.

Ich hatte das Gefühl, dass so viel Strickwissen in Europa verloren gegangen ist. Früher gab es in Deutschland und Italien zahlreiche Strickereien. Pullover, die Jahrzehnte hielten. Dieses Wissen wollte ich nicht nur bewahren, sondern weiterentwickeln. Deshalb war für uns klar: Wenn wir es machen, dann hier. Und selbst.

Welche Rolle spielt deine Familie im Unternehmen?

Eine zentrale. Meine Eltern haben die Ausbildung an den Industriemaschinen gemacht. Mein Vater programmiert die Muster, beide stricken täglich.

Ich entwickle die Schnitte, entwerfe die Designs, kümmere mich um Kundinnen, Website, Shootings und Präsentationen.

Und dann gibt es noch die dritte Generation. Meine Tochter zeichnet Motive. Der Monster Pullover, einer unserer Bestseller, basiert auf einer ihrer Kinderzeichnungen. Für mich ist das mehr als ein Kleidungsstück. Es vereint drei Generationen in einem Produkt. Meine Kinder zeichnen, ich entwickle daraus ein tragbares Design, meine Eltern setzen es technisch um.

Wenn dann eine Bestellung aus London oder den USA kommt, denke ich manchmal: Vielleicht läuft irgendwann jemand in New York mit dieser Zeichnung herum. Das berührt mich sehr.

Ihr arbeitet mit hochwertigen europäischen Garnen. Was ist dir bei der Materialwahl wichtig?

Das Gefühl auf der Haut. Qualität ist für uns wichtiger als jedes Schlagwort.

Es gibt viele Versprechen rund um Nachhaltigkeit, aber wenn sich das Garn nicht gut anfühlt, überzeugt es mich nicht. Wir testen alles selbst. Wir tragen es, waschen es, erleben es im Alltag.

Kaschmir ist nicht gleich Kaschmir. Wir arbeiten mit sehr hochwertigen Garnen, weil man den Unterschied sofort merkt. Sobald man wirklich gutes Kaschmir oder eine Mischung aus Kaschmir und Seide trägt, versteht man, warum Material entscheidend ist.

Wie entsteht bei euch ein neues Kleidungsstück?

Meistens beginnt es mit einer Idee für einen Schnitt oder ein Muster. Ich zeichne das Motiv digital als Pixelgrafik. Jeder Pixel wird später zu einer Masche. Mein Vater übersetzt diese Datei in das Strickprogramm. Dann beginnt die eigentliche Arbeit: testen, prüfen, anpassen. Im Strick kann sich ein Kleidungsstück allein durch eine andere Struktur komplett verändern. Obwohl die programmierte Größe gleich bleibt, wirkt es plötzlich länger, kürzer oder fester. Wir machen mehrere Probestücke, verändern Festigkeit, Details, Taschen, Proportionen. Erst wenn Schnitt, Technik und Material wirklich harmonieren, entscheiden wir uns für Farben und gehen in die Produktion.

2017 wart ihr zum ersten Mal auf der BLICKFANG. Was hat diese Messe für euch bedeutet?

Es war unsere erste Messe überhaupt. Niemand kannte uns. Und nach drei Tagen waren wir ausverkauft.

Das war ein unglaublicher Moment. Plötzlich war klar: Es gibt nicht nur unsere Begeisterung, sondern echte Nachfrage.

Noch wichtiger war das direkte Feedback. Frauen probieren an, reagieren spontan und ehrlich. So habe ich zum Beispiel gemerkt, dass viele keinen Rollkragen mögen, obwohl ich ihn schön fand.

Dieses unmittelbare Feedback ist unbezahlbar. Selbst wenn wir irgendwann viel größer wären, würde ich diesen direkten Kontakt nicht missen wollen.

Gibt es Kundinnenmomente, die dir besonders nahegehen?

Sehr viele. Besonders diese Spiegelmomente. Frauen, die eigentlich denken, Muster stehen ihnen nicht, und dann überrascht sind, wie gut es wirkt.

Oder Kundinnen, die über Jahre immer wiederkommen. Sie probieren an, gehen eine Runde über die Messe, kommen zurück. Und irgendwann kaufen sie das Stück und erzählen, dass sie sich damit selbst belohnen möchten, weil sie im Leben einen Schritt weitergekommen sind.

Es gab auch Fälle, in denen Jacken gestohlen wurden und die Kundinnen genau dasselbe Modell noch einmal wollten, weil es ihr absolutes Lieblingsstück war. Natürlich ist das traurig. Aber es zeigt, wie sehr diese Teile Teil ihres Alltags geworden sind.

Eure Muster sind unverwechselbar. Woher kommt deine Inspiration?

Inspiration ist überall. Aus der Architektur, aus der Natur, aus Jugendstil Ornamenten, aus alten Stickereien. Mein Mann malt, und wir haben seine Pinselstriche in Strick übersetzt.

Und natürlich die Kinderzeichnungen. Diese Unmittelbarkeit, diese Freiheit.

Meistens ist nicht die Idee die Herausforderung, sondern die Zeit, sie wirklich umzusetzen.

Deine wendbaren Modelle sind besonders beliebt. Was ist daran technisch anspruchsvoll?

Der Sitz. Ein wendbarer Jacquard muss stabil genug sein, damit beide Seiten funktionieren. Manche Jacken sollen eine feste, klare Silhouette haben, andere weich fallen.

Das erreicht man allein über Stricktechnik und Festigkeit. Und jedes Garn reagiert anders. Seide verhält sich völlig anders als Kaschmir. Das ist ein ständiges Austarieren zwischen Material, Technik und Form.

Hast du ein persönliches Lieblingsstück?

Ja, der Monster Pullover. Weil er alles vereint, wofür KöpkeKöpke steht. Familie, Handwerk, Kreativität.

Er basiert auf einer Kinderzeichnung, wurde von meinen Eltern gestrickt und von mir entwickelt. Wenn ich mir vorstelle, dass dieses Motiv vielleicht irgendwann irgendwo in einer fremden Stadt getragen wird, ohne dass jemand die Geschichte kennt, macht mich das unglaublich stolz.

Und wie geht es für KöpkeKöpke weiter?

Wir wollen weiter experimentieren. Leichtere Garne, neue Mischungen, vielleicht Sommerstücke. Nicht alles funktioniert sofort. Leinen zum Beispiel war technisch schwierig, weil das Garn zu fest für die Maschine ist und die feinen Nadeln brechen. Hier versuchen wir verschiedene Mischungen zum Beispiel mit Wolle, um das Garn „strickbar“ zu machen.

Genau dieses Ausprobieren gehört dazu. Wir entwickeln uns weiter, ohne unseren Kern zu verlieren. Masche für Masche entsteht so eine Handschrift, die man erkennt, noch bevor man das Etikett liest.

Wenn du die einzigartigen Designs von Köpkeköpke aus nächster Nähe erleben – und vielleicht sogar die feinen Materialien und Texturen spüren – möchtest, besuche die BLICKFANG Basel und triff Ulrike persönlich vor Ort. Tickets gibt es hier.

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