Zeit, Material, Haltung – Ein Gespräch mit Hannah Zundel

AllgemeinInterviews

Hannah Zundel, Gründerin und Designerin von HanZ © Ben Kild

Was bleibt von Mode, wenn man Zeit, Material und Arbeit wieder sichtbar macht? Hannah stellt genau diese Frage – und entwickelt daraus einen Ansatz, der Kleidung konsequent neu denkt. Ausgehend von einer klassischen Designausbildung, erweitert durch kunsthistorische Perspektiven und kuratorische Praxis, versteht sie Mode nicht als isolierte Disziplin, sondern als Teil eines größeren kulturellen Gefüges.

Mit ihrem Label HanZ arbeitet sie bewusst abseits konventioneller Produktionslogiken: in kleinen Editionen, mit ausgewählten Materialien und in enger Zusammenarbeit mit lokalen Manufakturen. Der Entwurf entsteht dabei im direkten Dialog mit Stoff, Körper und Prozess – ohne Umwege, ohne Kompromisse. Im Zentrum steht nicht die schnelle Kollektion, sondern die Frage, unter welchen Bedingungen Kleidung entsteht und welche Spuren diese Bedingungen im fertigen Stück hinterlassen.

Im Interview erzählt Hannah, warum sie Material als eigentlichen Luxus begreift, weshalb Zeit im Designprozess eine zentrale Rolle spielt und wie sich durch präzise Handarbeit eine neue Form von Wertschätzung für Kleidung entwickeln kann.

Hannah, wie bist du überhaupt zur Mode gekommen – und was hat dich dazu gebracht, Kleidung als kulturelle Handlung zu verstehen?

Ich habe mit 19 ganz klassisch mit einer Ausbildung zur Modedesignerin am Lette Verein begonnen. Mich hat dabei von Anfang an die Form genauso interessiert wie die Bedingungen, unter denen sie entsteht; nur eben nicht voneinander getrennt. Entwurf, Produktion und ökonomische Strukturen sind für mich untrennbar miteinander verbunden. Mode ist kein autonomer Gestaltungsraum.

Das Studium der Kunstgeschichte war ein Schritt aus diesem System heraus. In der anschließenden Arbeit mit Künstler:innen, Institutionen und einer eigenen kleinen Galerie habe ich andere künstlerische Strategien kennengelernt – vor allem einen anderen Umgang mit Material, Zeit und Kontext.

Daraus hat sich mein Zugang zu Mode geschärft. Ich begreife Kleidung als kulturelle Praxis: als etwas, das immer in Beziehungen entsteht – zu Arbeit, zu Ressourcen und zu gesellschaftlichen Bedingungen – und genau dort gestaltet wird.

Dein Label HanZ arbeitet bewusst mit kleinen Editionen und Einzelstücken. Was reizt dich an dieser limitierten Arbeitsweise im Vergleich zu herkömmlicher Modeproduktion?

Für mich bedeutet diese Arbeitsweise zuerst einmal große Freiheit. Ich kann schnell und flexibel reagieren, ohne mich den Abläufen herkömmlicher Produktion unterordnen zu müssen. Gleichzeitig ermöglicht sie hohe Präzision: im Entwurf genauso wie in der Fertigung. Zwischen Idee und Produkt liegt keine vermittelnde Instanz, die Entscheidungen abschwächt oder den Entwurf verwässert. Diese Unmittelbarkeit ist die Voraussetzung für meine Arbeit. So entsteht der Entwurf im direkten Umgang mit dem Material..

© Ulrich Maxim Zundel

Du betonst, dass Material der wahre Luxus ist. Wie wählst du Stoffe aus, und welche Rolle spielt dabei Nachhaltigkeit und Materialgerechtigkeit?

Ich glaube nicht an nachhaltigen Konsum. Wenn man Dinge in die Welt setzt, muss man sich vielmehr fragen, unter welchen Bedingungen das geschieht: Wie kann Kleidung entstehen, die über Zeit an Charakter gewinnt? Welche Qualität hat Bestand? Und welche Materialien verwende ich dafür?

Ich arbeite mit wenigen, sehr ausgewählten Stoffen, die eine besondere haptische Qualität haben. Die Entscheidung für diese Materialien ist bewusst – auch dort, wo sie wirtschaftlich nicht die naheliegendste ist. Gleichzeitig ist Material eine begrenzte Ressource und muss so verarbeitet werden, dass es ihm gerecht wird. In einem System, das ohnehin von Überfluss geprägt ist, sehe ich keinen Sinn darin, es weiter mit künstlichen Materialien und minderwertigen Geweben zu belasten.

Die Kollektion „Time, Work“ thematisiert Zeit und Arbeit. Wie übersetzt du diese Idee praktisch in Schnitt, Stoffwahl und Fertigung?

Ausgangspunkt war für mich die Beobachtung, dass Zeit in industrieller Produktion weitgehend ausgelöscht wird. Arbeitsprozesse werden unsichtbar, Abläufe standardisiert – und genau darin liegt auch die Grundlage für diese Form von Überfluss.

Mich interessiert, was passiert, wenn man diese Strukturen offenlegt und damit sichtbar macht, wie sehr unser Konsum auf der Auslöschung von Zeit und Arbeit basiert.

Im Zentrum steht Leinen in unterschiedlichen Qualitäten. Es trägt Zeit sichtbar in sich; durch seine Struktur und durch die Art, wie es sich im Tragen verändert. Falten sind für mich kein Makel, sondern eine Spur von Dauer und Gebrauch. Dem setze ich Kaschmir entgegen – als weicheren, körpernäheren Kontrapunkt. Er verschiebt die Wahrnehmung des Leinens und bringt eine andere Form von Nähe in die Kollektion. Im Entwurf bedeutet das, das Material nicht zu überformen. Die Schnitte entstehen aus dem Material heraus und bleiben an seine Eigenschaften gebunden.

In der Fertigung heißt das, Arbeit nicht zu verdecken. Jede Entscheidung bleibt nachvollziehbar: Zeit bleibt im Material präsent.

Du produzierst deine Kollektionen in Salzburg und in der Manufaktur Stitch by Stitch in Frankfurt. Welche Bedeutung hat die lokale Produktion in Deutschland und Österreich für dich, und warum ist es wichtig, dass du die Produktionswege selbst kontrollieren kannst?

Die lokale Produktion ist für mich eine direkte Konsequenz meiner Arbeitsweise. Sie hält den Prozess zugänglich und ermöglicht es mir, Entscheidungen unmittelbar umzusetzen.

Ich kann direkt reagieren. Es geht mir um die Kontrolle über die Arbeitsbedingungen – auch im Sinne der Menschen, die die Stücke fertigen. Diese Nähe ist entscheidend für die Qualität und Präzision, die meine Arbeit verlangt.

Jede deiner Schneiderinnen fertigt ein Stück von der ersten bis zur letzten Naht. Wie verändert diese Handarbeit die Beziehung zum Design – und wie wirkt sie sich auf die Wertschätzung der Träger:innen aus?

Wenn ein Stück von einer Person vom Anfang bis zum Ende gefertigt wird, entsteht ein durchgehender Arbeitsprozess. Die Verarbeitung bleibt gebunden; Entscheidungen werden nicht aufgeteilt, sondern kontinuierlich getroffen. So entsteht kein zusammengesetztes Produkt, sondern ein Stück, das aus einer einzigen Arbeit hervorgeht. Darin liegt für mich die Präzision.

Diese Form der Herstellung ist nachvollziehbar. Sie steht im Gegensatz zu anonymen Prozessen und dadurch verändert sich auch die Wahrnehmung. Ein Stück wird anders gelesen und entsprechend anders behandelt.

Du warst bereits auf der BLICKFANG Stuttgart und wirst nun in Hamburg dabei sein – wie erlebst du die BLICKFANG als Plattform für dein Label?

Ich nutze die BLICKFANG, um zu prüfen, ob und wie mein Ansatz dort funktioniert.

Dabei wird auch deutlich, wie unterschiedlich das Verständnis von Gestaltung und Wert ist. Nicht alles lässt sich in diesem Rahmen vermitteln – gerade wenn es um Material und Arbeit geht.

Deine Kollektionen setzen stark auf die Haptik der Stoffe. Welche Bedeutung haben Berührung und Materialerlebnis für die Wirkung deiner Kleidung?

Ich denke Kleidung vom Körper aus: der beginnt mit Berührung. Ich bin ein stark haptisch orientierter Mensch. Wahrnehmung entsteht für mich nicht zuerst visuell, sondern über den Kontakt. Deshalb steht das Material im Zentrum. Es geht nicht nur darum, wie ein Stoff aussieht, sondern wie er sich verhält: auf der Haut, in Bewegung, im Gebrauch. Über die Haptik entsteht eine unmittelbare Beziehung zwischen Körper und Kleidung. Sie entscheidet, ob und wie ein Stück getragen wird und wie es sich über Zeit verändert. Die Wirkung meiner Kleidung liegt genau in dieser körperlichen Erfahrung.

Form und Stoff werden bei dir als gegenseitige Entsprechung gedacht. Wie gehst du beim Entwurf vor, damit Schnitt und Material harmonisch zusammenwirken?

Ich vertraue weder dem Material noch der Form allein. Entscheidend ist, was im Dazwischen passiert. Die Formidee wird im Material und am Körper überprüft und verändert. Mich interessieren Stücke, die auf den ersten Blick ruhig wirken und ihre Komplexität erst im Tragen entfalten. Harmonie ist für mich kein Ziel, sondern höchstens ein Nebeneffekt.

Leinen spielt in deiner aktuellen Kollektion „Time, Work“ eine zentrale Rolle. Was fasziniert dich an diesem Material?

Leinen vereint für mich mehrere Ebenen, die selten zusammenkommen. Es hat eine klare, fast strenge Materialität – trocken, strukturiert und mit einer skulpturalen Qualität, die sich nicht glätten lässt. Jede Qualität knittert anders und zeigt damit ihren eigenen Charakter. Gleichzeitig trägt es eine lange Geschichte in sich. Besonders das belgische Leinen interessiert mich, weil dort ein Wissen weitergeführt wird, das über Jahrhunderte gewachsen ist. Und es entsteht unter vergleichsweise geringen Eingriffen; beinahe ohne künstliche Bewässerung und mit sehr reduziertem Einsatz von Pestiziden. Was mich daran besonders interessiert: Leinen entzieht sich einer vollständigen Kontrolle. Man muss sich im Entwurf darauf einlassen; und auch im Tragen.

Du stellst Kleidung als kulturelle Praxis dar. Wie gelingt es dir, Werte, Identität und Umweltbewusstsein in tragbare Stücke zu übersetzen?

Ich denke nicht in diesen Kategorien. Mich interessiert, unter welchen Bedingungen Kleidung entsteht. Bedeutung entsteht für mich im Prozess: im Umgang mit Material, in der Arbeit und in der Zeit, die darin liegt. Es geht mir nicht darum, etwas zu „übersetzen“, sondern darum, wie Kleidung gemacht ist und was darin sichtbar bleibt.

Maßanfertigungen sind ein fester Bestandteil deines Angebots. Wie läuft der Prozess ab, wenn jemand ein individuell angepasstes Stück bei dir bestellt?

Der Prozess ist nicht einheitlich, sondern richtet sich nach dem Grad der Maßarbeit. Anlassbezogene Stücke entstehen in engem Austausch und über mehrere Anproben hinweg. Das ist ein längerer, gemeinsamer Prozess. Innerhalb der Kollektion können Stücke angepasst werden – etwa in Länge oder Proportion. Diese Anpassungen sind Teil der Arbeit, nicht Zusatz. Diese Flexibilität ist nur möglich, weil die Produktion hier stattfindet.

Was wünschst du dir für die Zukunft der Modebranche?

Solange Zeit, Arbeit und Material unsichtbar bleiben, ändert sich am System wenig. Würden sie sichtbar, wäre weniger Konsum keine Forderung, sondern Konsequenz.

Auf der BLICKFANG in Hamburg kannst du Hannah persönlich kennenlernen ihre Kleidungsstücke anprobieren und direkt mitnehmen!

Jetzt Tickets sichern!

Consent Management Platform von Real Cookie Banner