Licht, das wächst

Elisabeth Seidel
© Patrick Schwarz
Elisabeth Seidel entwickelt Leuchten, deren Oberfläche nicht geformt, sondern gezüchtet wird. Auf einem Acrylkörper wachsen über Tage hinweg Kristalle, die jedes Objekt zu einem Unikat machen. Im Gespräch erzählt sie von ihrem Zugang zum Material, vom Arbeiten zwischen Kontrolle und Offenheit – und von einem Prozess, der Zeit braucht.

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Elisabeth, vielleicht ganz am Anfang: Wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen, mit Kristallen zu arbeiten?
„Vor zwei Jahren habe ich meinen Bachelor in Integrated Design gemacht und ich mochte es immer, zu experimentieren und Materialstudien zu machen. Also ein Material zu nehmen, viel zu testen und irgendwann den Mechanismus zu verstehen. Von der Ästhetik her mag ich Transparenzen und Farben. Eigentlich wollte ich zuerst mit einem anderen Material arbeiten, aber das hat an der Uni nicht funktioniert. Dann habe ich in einem Schaufenster einen Kristallzuchtkasten gesehen und mich dafür entschieden. Es war Zufall, aber es hat genau zu dem gepasst, womit ich mich beschäftigen wollte.“
Wann hast du gemerkt, dass in diesem Material mehr steckt als ein Experiment – dass daraus ein eigenständiger Entwurf entstehen kann?
„Ich habe mich zuerst intensiv mit der Chemie und den Kristallstrukturen beschäftigt. Dann habe ich angefangen, Kristalle aus Lösungen zu züchten und mit Acrylglas zu kombinieren. Irgendwann hat das funktioniert und ich hatte einen stabilen Träger. Dann habe ich das im Großen ausprobiert. So ist die erste Leuchte entstanden.“
Wenn man dich ganz konkret fragt: Wie entsteht so eine Leuchte – was sind die einzelnen Schritte?
„Zuerst stelle ich den Körper aus Acrylglas her, der aus Schichten besteht. Dann koche ich die Lösung und gebe die Farbe dazu, wobei ich genau auf Temperatur und Dosierung achten muss. Danach kommt das Objekt in die Lösung und wächst dort ein bis zwei Wochen. Wenn die Bedingungen stimmen, funktioniert es zuverlässig. Danach wird es herausgenommen, getrocknet und mit einem Schutzlack versiegelt.“

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Was passiert in den Tagen, in denen die Kristalle wachsen, und wie nimmst du diese Phase wahr?
„Der Container ist abgedunkelt und wird nicht mehr angefasst. Ich sehe in dieser Zeit nicht, was passiert. Erst nach ein bis zwei Wochen weiß ich, ob es funktioniert hat.“
Welche Rolle spielst du im Prozess – greifst du aktiv ein oder beobachtest du eher, wie sich das Material entwickelt?
„Ich kontrolliere vorher alles genau, also Temperatur, Mengen und Farbe. Während des Wachstums greife ich nicht ein, weil jede Intervention den Prozess stören würde.“
Gibt es Punkte im Ablauf, an denen sich entscheidet, ob ein Objekt „funktioniert“ oder nicht?
„Ja, vor allem äußere Faktoren spielen eine Rolle. Temperaturschwankungen, Licht oder Bewegung können das Wachstum stören. Außerdem habe ich gemerkt, dass mit meiner Technik Flächen am besten funktionieren. Das gibt auch einen gestalterischen Rahmen vor.“
Deine Leuchten verbinden eine klare Grundform mit einer gewachsenen Oberfläche – wie entwickelst du dieses Zusammenspiel im Entwurf?
„Ich arbeite mit organischen Formen und kombiniere sie mit den geometrischen Kristallen. Eine geometrische Grundform wäre naheliegend gewesen, das wollte ich vermeiden. Die erste Form habe ich von schmelzenden Eiswürfeln abgeleitet. Daraus hat sich die Formensprache entwickelt.“
Wenn das Licht hinzukommt: Was verändert sich für dich in der Wahrnehmung der Kristalle?
„Ausgeschaltet wirkt die Leuchte wie eine Kristallskulptur, die das Licht reflektiert. Eingeschaltet werden die Schichten sichtbar und man erkennt den Aufbau der Kristalle. Es werden unterschiedliche Eigenschaften betont. Beide Zustände gehören für mich zusammen.“

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An welchen Stellen entsteht die Gestaltung bewusst durch dich – und wo überlässt du sie dem Verhalten des Materials?
„Die Grundform gestalte ich selbst über den Acrylkörper. Die Oberfläche entsteht durch die Kristalle. Auch die Farbe entwickelt sich im Prozess und kann variieren. Es gibt immer eine gewisse Bandbreite, auf die ich keinen Einfluss habe.“
Siehst du dich als Designerin oder Künstlerin und verortest du deine Objekte eher im klassischen Design oder im Collectible Design?
„ Von der Lehre her bin ich Designerin und ich würde es auf jeden Fall als Collectible Design einordnen. Die Objekte sind nicht industriell herstellbar, der Wachstumsprozess macht es zu einer Form von Slow Manufacturing, die Zeit braucht und nur kleine Stückzahlen zulässt. Gleichzeitig wird es von vielen, die nicht aus der Branche kommen, als Kunst wahrgenommen. Also ich kann mich mit beidem identifizieren, ob jetzt Designerin oder Künstlerin. Für mich persönlich ist es gar nicht so wichtig, das abzugrenzen.“
Du arbeitest mit einem Material, das nicht geformt, sondern gezüchtet wird – verändert das für dich den Blick auf Ressourcen und Gestaltung?
„Der Prozess ist ressourcenschonend, weil die Lösung nur einmal auf etwa 60 Grad erhitzt wird. Das Wachstum passiert dann bei Raumtemperatur. Für eine glasähnliche Oberfläche ist das eine sehr geringe Energiezufuhr.“
Würdest du sagen, dass hier eine andere Form von Handwerk entsteht, bei der weniger das Machen als das Einrichten von Bedingungen im Vordergrund steht?
„Das Arbeiten mit Acrylglas ist klassisches Handwerk. Der Kristallprozess basiert eher auf chemischen Prinzipien. Es ist ein Zusammenspiel aus Handwerk und Chemie.“
Dein Projekt wurde mit dem Future Forward Award ausgezeichnet – was daran würdest du selbst als zukunftsweisend beschreiben, und welche Gespräche wünschst du dir daraus auf der BLICKFANG?
„Ich habe mich sehr gefreut, dass das auch von einer etablierten Branche gewürdigt wird. Kristalle kommen im Interior Design kaum vor und ich kenne nur wenige vergleichbare Projekte. Ich finde es spannend, sie als Materialalternative zu sehen, die sich selbst bildet und ressourceneffizient ist. Gleichzeitig gibt es keine ästhetischen Nachteile. Ich wünsche mir Gespräche darüber, wie man das Material weiterdenken und einsetzen kann.“
Elisabeth hast du übrigens auch die Möglichkeit, persönlich auf der BLICKFANG in Hamburg zu treffen. Vor Ort kannst du mehr über ihre Geschichte und ihre Produkte erfahren – und deine Favoriten natürlich direkt mitnehmen. Sichere dir hier gleich dein Ticket!
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