Stephan Demmrich und SD – Schöne Dinge: Ein Laden für Fundstücke mit Geschichte

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Mitten im Stuttgarter Westen hat Stephan Demmrich einen Laden eröffnet, der nicht auf schnelle Effekte setzt. Denn bei SD – Schöne Dinge geht es um ausgewählte Objekte, um Herkunft, Material, Handwerk und manchmal auch um Zufall. Vor allem aber geht es um die Freude am Finden.

Porträt von Stephan Demmrich von SD Schöne Dinge

Stephan Demmrich

Stephan war 26 Jahre lang Chefredakteur mit Schwerpunkt Kunst, Design und Architektur. Im vergangenen November entschied er sich für einen Schnitt. Die bisherige Arbeit passte nicht mehr zu dem, was ihn interessierte und antrieb. Einen fertigen Plan für die Zeit danach hatte er nicht. Dann wurde ein Ladenlokal im Stuttgarter Westen frei. Bei der ersten Besichtigung sagte die Vermieterin: „Mir ist Geld nicht das Wichtigste, sondern dass hier was Schönes passiert.“ Für Stephan war damit klar: Das könnte der richtige Ort sein.

Heute ist SD – Schöne Dinge Geschäft, Sammlung und persönlicher Raum zugleich. Stephan nennt den Laden sein „zweites Wohnzimmer“. Wer hineingeht, merkt schnell: Hier steht und hängt nichts zufällig.  

Persönliche Auswahl statt Beliebigkeit

„Die Auswahl erfolgt mit Herzblut und basiert auf persönlichen Vorlieben: Dinge, die mir auffallen, die ich schön finde“, sagt Stephan. Das ist im besten Sinne subjektiv. Der Laden folgt keinem Algorithmus und keinem Sortimentsraster.  Stephan grenzt sich bewusst von austauschbaren Innenstadtangeboten und großen Ketten ab. Kleine, spezialisierte Läden sind für ihn wichtig, weil sie Dinge zeigen, die man nicht überall findet. Dinge mit Herkunft, Qualität und Charakter.

Seine Kriterien sind klar: Die Objekte müssen in gutem Zustand sein und eine gute Geschichte mitbringen. Der Schwerpunkt liegt auf Vintage, vor allem auf dem späten 20. und frühen 21. Jahrhundert.

Die Freude am Suchen

„Die Objektsuche ist eine Quelle großer Freude und ständiger Beschäftigung“, sagt der ehemalige BLICKFANG-Designpreis Juror. Das klingt bei ihm nicht nach Hobby, sondern nach Haltung. Schon während des Studiums arbeitete er in einem Auktionshaus. Dort lernte er, Dinge einzuordnen, ihren Wert zu erkennen und genauer hinzusehen.

Diese Erfahrung prägt den Store bis heute. Stephan sucht online, auf Flohmärkten, bei Auktionen und über Kontakte. Er liest, recherchiert und folgt Spuren. An einem Sonntag fand er etwa zwei japanische Holzschnitte in den USA, die durch ihre Nähe zur Manga-Ästhetik besonders spannend sind. Für ihn zählt nicht nur, ob ein Objekt schön aussieht. Es muss etwas erzählen können. Herkunft, Technik, Material und Zeitgeschichte gehören für ihn dazu.

Warum Geschichten den Blick verändern

„Das Wissen um die Entstehung und den Hintergrund eines Objekts steigert die Freude daran erheblich“, sagt Stephan. Genau das merkt man dem Laden an. Viele Stücke erschließen sich erst, wenn man ihre Geschichte kennt.

Ein Beispiel ist altes Laborporzellan der KPM. Während und nach dem Krieg stellte die Königliche Porzellan-Manufaktur in größerem Umfang Laborporzellan her. Diese Produktion half, Kosten zu decken und die Insolvenz abzuwehren. Heute sind solche Stücke in dieser Form und Qualität nicht mehr erhältlich. Gleichzeitig wirkten sie später als Inspiration für die Lab-Serie der KPM.

Stephan interessiert daran nicht nur die historische Einordnung. Er schwärmt von der Haptik, von den dünneren Wandungen, der feinen Ausformung und der Robustheit. Für ihn sind das keine Museumsstücke. Man kann sie natürlich auch benutzen, etwa für Soßen oder kleine Speisen.

Kobaltoxidblau: Farbe, Technik, Zeitgeist

Eine besondere Rolle spielt bei Stephan auch das Kobaltoxidblau der KPM. Ihn fasziniert die Tiefe dieser Farbe. Sie erinnert ihn an Wasserstrudel oder an einen Sternenhimmel.

Auch hier steckt die Geschichte im Detail. In den 1920er- und 1930er-Jahren war die Herstellung aufwendig, teuer und mit viel Ausschuss verbunden. Das Blau wurde in die rohe Porzellanmasse eingebracht und verlief beim Brennen. Exakte Abgrenzungen waren kaum möglich. Deshalb gab man die Technik zunächst wieder auf. Erst in den 1950er-Jahren wurde sie von zwei Malerinnen perfektioniert. Stephan erzählt diese Geschichte auch deshalb gern, weil sie mehr zeigt als nur eine keramische Technik: Diese Frauen arbeiteten voll, waren verheiratet und reisten allein durch Europa. Für die damalige Zeit war das bemerkenswert. Ihre Stücke unterscheiden sich deutlich von anderen Objekten jener Jahre.

So wird aus einer Farbe mehr als Dekor. Sie erzählt auch etwas über Arbeit, Können und gesellschaftliche Rollen.

Hedwig Bollhagen und seltene Teller aus der DDR

Wir bleiben beim Porzellan: Zu den besonderen Stücken in seinem Sortiment gehören auch seltene Teller von Hedwig Bollhagen. Die Motive wurden in den 1970er-Jahren von Heidi Manthey entworfen. Ursprünglich entstanden sie als kommerzielle Bestellung der DDR, gedacht für den Verkauf im Westen. Dort setzten sie sich damals nicht durch.

Heute sind diese Teller selten. Von insgesamt sieben Motiven besitzt Stephan bereits vier. Und sie sind seine momentanen und heimlichen Lieblingsstücke. Auch die Wertentwicklung zeigt, wie sehr sich der Blick auf solche Stücke verändert hat: Was früher für 40 bis 50 Euro zu haben war, kann heute fast 1.000 Euro pro Teller kosten.

Trotzdem spricht Stephan nicht zuerst über Preise. Ihn interessiert, warum ein Objekt bleibt, warum es berührt und warum es nach Jahrzehnten plötzlich neu gesehen wird.

Zeitlose Möbel statt schneller Trends

Eine Kommode aus dem Jahr 1815 zeigt für Stephan, wie zeitlos gutes Design sein kann. Ihre Schlichtheit wirkt bis heute modern. Die handwerkliche Qualität sei in dieser Form kaum noch zu finden, sagt er. Spannend ist auch: Solche Stücke sind trotz ihres Alters und ihrer Qualität oft noch vergleichsweise bezahlbar. Schönheit soll nicht nur etwas für Menschen mit sehr großem Budget sein.

Er sieht außerdem Parallelen zwischen historischen Brüchen und heutigen Entwicklungen. Nach der Weltwirtschaftskrise 1929 rückten Handwerk und Beständigkeit wieder stärker in den Fokus. Auch heute, in wirtschaftlich unsicheren Zeiten, wächst bei vielen Menschen das Bedürfnis nach Dingen, die bleiben. Das Handwerk erlebt heute geradezu eine Renaissance.

Kunst mit Ernst und Humor

Stephan kuratiert sein Sortiment mit einem geschulten Blick. Im Laden finden sich auch Arbeiten des Hamburger Künstlers Hirofumi Fujiwara, eines Schülers von Stephan Balkenhol. Seine Kunstwerke werden bereits seit dem Jahr 2011 in Ausstellungen in Deutschland, Belgien, der Schweiz und Japan ausgestellt. Diese Arbeiten kreisen nicht um Eitelkeit, sondern um Raum, Wirklichkeit und Persönlichkeit. Sie haben eine große Ruhe.

Gleichzeitig darf Humor nicht fehlen. Ein Hermès/Herpes-Kunstwerk aus Paris oder das Bild „Fucky Strike“ aus den 1980er-Jahren bringen eine andere Ebene in den Laden. Letzteres malte ein Künstler für eine Freundin zum Geburtstag, als Aufforderung, mit dem Rauchen aufzuhören.

Für Stephan gehört genau das dazu: Kunst muss nicht immer feierlich sein. Sie darf auch schräg, direkt und komisch sein.

Ein Sortiment, das sich verändert

SD – Schöne Dinge ist kein Laden mit festem Bestand. Stephan sucht ständig weiter. Mal findet er japanische Holzschnitte, mal KPM-Porzellan, mal seltene Vintage-Taschen des italienischen Designerduos Ciarmoli Queda.

Auch die Präsentation verändert sich. Das Schaufenster wird mindestens einmal im Monat neu gestaltet. Bisher gab es Themen wie Blau oder Micky Maus. Geplant sind unter anderem ein weißes Fenster unter dem Titel „Heiß auf weiß“ und eine CSD-Kooperation mit dem Designerduo Doser und Zimprich aus Stuttgart.

Im Laden selbst entstehen Bilderwände, an denen Stephan mehrere Tage arbeitet. Dabei folgt er einem Satz von Architekt Josef Frank: „Dinge, die man mag, passen immer zusammen.“ Eine gute Einrichtung entsteht für ihn nicht auf einmal. Sie wächst.

Wenn ein Stück weiterzieht

Alle Objekte bedeuten Stephan etwas. Trotzdem fällt es ihm nicht schwer, sie zu verkaufen, wenn sie zu jemandem kommen, der sie wirklich schätzt. Wenn jemand ein Objekt nicht nur kauft, sondern wirklich haben möchte, fällt der Abschied leichter. Dann erfüllt das Stück seinen nächsten Zweck.

Warum man öfter kommen sollte

Der Laden verändert sich laufend. Jede Woche kommen neue Fundstücke dazu. Das Schaufenster wechselt. Die Wände entwickeln sich weiter. Wer einmal da war, hat beim nächsten Besuch vermutlich schon wieder etwas Neues vor sich.

Stephan beschreibt sich als „Trüffelschwein“. Das passt gut. Er sucht, gräbt, prüft, verwirft und findet. Seine Erfahrung aus Auktionshäusern, Galerien und der Einrichtungspresse hilft ihm dabei. Aber am Ende entscheidet nicht nur Expertise, sondern auch Neugier.  Wer heute einen japanischen Holzschnitt entdeckt, findet beim nächsten Mal vielleicht ein seltenes Porzellanstück, eine Vintage-Tasche oder ein Möbel, das seit 200 Jahren erstaunlich gegenwärtig wirkt.

Ein Ort für Menschen, die gern genauer hinsehen

SD – Schöne Dinge ist kein klassischer Einrichtungsladen. Es ist ein Ort für Menschen, die Dinge nicht nur kaufen, sondern verstehen wollen. Für Menschen, die Freude daran haben, Material, Form, Herkunft und Geschichte zusammenzudenken.

Und ein Laden, der zeigt: Finden ist eine Kunst. Und gute Dinge brauchen Zeit.

Stephan kannst du übrigens persönlich in seinem Ladengeschäft in Stuttgart kennenlernen, noch mehr über seine Geschichte und seine Produkte erfahren und diese natürlich direkt kaufen.

SD Schöne Dinge

Vogelsangstraße 22

70176 Stuttgart

Öffnungszeiten Do-Sa 11-18 Uhr und nach Vereinbarung

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