Vom Sonnenschutz zum Lieblingsstück – Aus Alt wird Attached

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Portrait von Alex Benz, Gründer von Attached mit einer Markise vor einem Baufälligen Haus
Alex Benz, Gründer von Attached

Ein Balkon, eine Abrissparty und eine orange-gelbe Markise: Viel mehr brauchte es zunächst nicht, damit aus einem alten Sonnenschutz eine Produktidee entstand. Während Alex Benz mit Freund:innen auf dem Balkon eines Gebäudes grillte, das kurz darauf abgerissen werden sollte, fiel sein Blick auf die Markisen. Am nächsten Tag war er mit einem Teppichmesser wieder vor Ort, um die ersten Stücke „zu ernten“. Daraus entstand der erste Shopper von Attached.

Heute macht das Schweizer Label genau daraus sein Prinzip: Ausgediente Markisenstoffe werden eingesammelt, aufbereitet und in sozialen Werkstätten zu Taschen und Accessoires verarbeitet. Dabei gibt das Material selbst den Ton an. Farben, Muster und Gebrauchsspuren entscheiden mit darüber, was aus einer Markise werden kann – und machen viele der Stücke zu echten Einzelstücken.

Alex, wie ist die Idee zu Attached entstanden und wann war für dich klar: Aus alten Markisen sollen neue Produkte werden?

Die Geschichte von Attached muss man eigentlich in zwei Teile aufspalten. Die Brand gibt es schon seit ungefähr 2020, damals hatte sie aber noch gar nichts mit dem Upcycling von Markisen zu tun. Wir haben zuerst Schlüsselanhänger und Brillenbändchen gemacht, die in geschützten Werkstätten hergestellt wurden.

Die interessantere Geschichte ist dann die mit den Markisen. Ich war bei einem Freund auf einer Abrissparty, das Gebäude wurde komplett abgerissen. Wir standen auf dem Balkon und haben gegrillt, und da sind mir diese orange-gelben Markisen aufgefallen. Am nächsten Tag habe ich bei der Verwaltung angerufen und durfte mit einem Teppichmesser die ersten Stücke „ernten“. Daraus wurde dann unser erster Shopper.

Heute haben wir mehrere Produktkategorien, die aus Markisenstoffen entstehen. Von Anfang an war uns dabei wichtig, so lokal wie möglich zu produzieren und aus einem Abfallmaterial ein lokales Schweizer Produkt zu machen.

Bei den Shopper Bags war also das Material zuerst da und daraus ist das Produkt entstanden. Wie entwickelt man ein Produkt, wenn nicht die Idee, sondern das Material den Anfang macht?

Das war tatsächlich genau so. Ich wusste zuerst gar nicht, was ich machen wollte. Ich habe zunächst versucht, einen Rucksack daraus zu machen, aber die Streifen haben für mich überhaupt nicht dazu gepasst. Das Material hatte eher Strand-Vibes.

Irgendwann war klar: Die Textilie hat das Produkt entschieden, nicht umgekehrt.

Wenn eine alte Markise bei euch ankommt: Wie entscheidet ihr, was daraus entstehen kann?

Das ist relativ spontan. Bestimmte Stoffe eignen sich besser für kleinere Produkte, andere für größere. Bestimmte Farbpatterns funktionieren zum Beispiel gut für eine Strandtasche oder einen Shopper. Sehr breite Streifen würde man auf einem Laptop Case dagegen gar nicht richtig sehen.

Wir haben mittlerweile ein relativ großes Lager und entscheiden dann, was mit welchem Stoff gut funktionieren könnte. Dabei spielen auch die Farben eine Rolle. Wir haben natürlich sehr viel Gelb und Orange, versuchen aber, insgesamt eine gute Mischung zu haben.

Eine große Herausforderung war am Anfang überhaupt, genügend Material zusammenzubekommen. Wenn du von einer einzelnen Markise nur ein paar Quadratmeter hast und die dann zehn verschiedene Farben enthält, kannst du daraus keine richtige Kollektion aufbauen.

Mittlerweile haben wir gute Kontakte zu 2-3 Herstellern. Sie schenken uns zum Teil Restbestände aus ihren Lagern, die sonst entsorgt würden. Gleichzeitig arbeiten wir auch mit Bauherren, Baugenossenschaften und Architekturbüros zusammen, die uns darauf aufmerksam machen, wo Gebäude abgerissen oder umgebaut werden. So können wir teilweise ganze Reihenhäuser von ihren Markisen befreien. Und manchmal bekommt der Bauherr anschließend Taschen für die Nachmieter:innen, die die Markisen vorher an den Häusern hatten.

Ihr nutzt also sowohl sehr alte Markisen als auch neue Restbestände. Was verändert sich durch den Zugang zu größeren Materialmengen?

Wenn du eine alte Markise direkt vom Balkon holst, muss sie erst gewaschen und aufbereitet werden. Auch der Zuschnitt ist schwieriger, wenn der Stoff schon 30 oder 40 Jahre am Balkon gehangen hat. Trotzdem wollen wir diese Materialien nicht weglassen. Beides ist Upcycling, aber bei einer alten Markise wird wirklich ein Material, das jahrzehntelang im Einsatz war, in ein zweites Leben überführt.

Und natürlich hat es auch etwas, wenn man beim Produkt noch sieht, woher der Stoff kommt. Das gibt dem Ganzen noch mehr Seele und Geschichte.

Markisenstoff ist für den Außenbereich gemacht. Welche Eigenschaften des Materials nutzt ihr bewusst für eure Produkte?

Die Wasserresistenz ist vor allem bei der Verarbeitung interessant. Dabei gibt es einen großen Unterschied zwischen einem neuen und einem alten Stoff. Bei älteren Markisen geht die Wasserresistenz irgendwann verloren und der Stoff wird deutlich weicher.

Wenn wir einen alten Stoff bekommen, der eine tolle Farbe hat, machen wir daraus zum Beispiel eine Crossbody Tasche, die sich weicher dem Körper anschmiegt. Neuere Stoffe, die noch komplett wasserresistent und fester sind, verwenden wir eher für Laptop Cases oder Necessaires. Gerade da ist es cool, wenn das Wasser wirklich komplett abperlt.

Bei Attached geht es also nicht nur darum, Material wiederzuverwenden, sondern auch darum, Menschen neue Perspektiven zu ermöglichen. Wie kam dieser soziale Aspekt zu eurem Konzept?

Das war eigentlich von Anfang an da. Eine gute Freundin von mir hatte ein Burnout und hat uns damals darauf aufmerksam gemacht, dass man in geschützten Werkstätten Modeaccessoires herstellen lassen kann. So haben wir angefangen.

Ich kenne viele Menschen und auch mich selbst, die manchmal mit mentalen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Ich finde es wichtig, dass man darüber spricht. Wenn du ein Burnout hast oder in einer Depression steckst, kann es hilfreich sein, wieder eine gewisse Struktur in den Alltag zu bekommen und etwas Wertschöpfendes zu machen. Ich glaube, das funktioniert mit unseren Taschen sehr gut. Die Leute können eine Tätigkeit machen, bei der am Ende ein richtiges Produkt entsteht.

Ihr produziert bewusst lokal in der Schweiz. Welche Vorteile bringt diese Nähe für euch?

Wir wollten von Anfang an möglichst lokal produzieren. In der Schweiz gibt es praktisch keine Textilindustrie mehr, dafür aber viele soziale Einrichtungen, die teilweise staatlich unterstützt werden und richtig gute Arbeit leisten.

Natürlich bringt das auch Herausforderungen mit sich. Wenn jemand gerade nach einem Burnout wieder in den Arbeitsalltag zurückfindet, kannst du nicht sagen: „Mach 100 Stück bis zum Ende der Woche fertig.“ Wir sind deshalb ganz bewusst nicht auf schnelle Produktion ausgelegt. Unser Ansatz ist eher: stetig langsam.

Wir holen immer mehr soziale Einrichtungen dazu, die unsere Produkte herstellen können. So können wir langsam auch skalierbare Stückzahlen erreichen, ohne einzelne Einrichtungen oder Menschen mit zu viel Arbeit zu überlasten.

Wie erlebt ihr die Zusammenarbeit mit den Menschen in den Werkstätten?

Eine sehr enge persönliche Beziehung zu einzelnen Mitarbeitenden aufzubauen, ist gar nicht so einfach, weil das Ziel ja eigentlich ist, dass sie möglichst nicht so lange dort bleiben, sondern wieder einen normalen Job oder eine andere Tätigkeit aufnehmen können.

Wir sind aber regelmäßig vor Ort. Gerade bei einer neuen Werkstatt ist mir das persönlich sehr wichtig. Wir haben zum Beispiel eine neue Einrichtung in der Nähe von Gelsenkirchen, die ziemlich weit entfernt ist. Da war ich jetzt schon zweimal und habe mir angeschaut, wie die Arbeitsbedingungen und die Strukturen vor Ort aussehen.

Wir bekommen auch viel Feedback direkt aus der Herstellung. Das Coole an unseren Produkten ist, dass der Produkttyp zwar gleich bleibt, aber immer wieder andere Farben dazukommen. Dadurch entsteht Abwechslung und es ist nicht einfach nur eine klassische Laufbandarbeit.

Und wir machen viel Brainstorming mit den Menschen dort. Nicht alle Designs kommen von mir. Das Necessaire zum Beispiel ist eigentlich unser komplexestes Produkt in der Herstellung. Das haben die Mitarbeitenden selbst entwickelt. Sie haben einfach zwei oder drei Entwürfe gemacht und daraus ist dann dieses Produkt entstanden.

Gibt es ein Produkt aus eurer bisherigen Kollektion, an dem besonders viel ausprobiert und getüftelt wurde?

Definitiv der Shopper. Das ist unser erstes Produkt und gleichzeitig immer noch unsere große Knacknuss.

Wir dürfen bei den Produkten nicht zu komplex werden, weil sonst der Preis explodiert und die Qualität darunter leidet. Deshalb brauchen wir relativ simple Cuts und wollen das eigentlich auch so beibehalten.

Beim Shopper ist aber wichtig, dass er auch leer steht und eine gewisse Struktur hat. Und je nachdem, wie gut die Qualität des jeweiligen Markisenstoffs ist, verhält er sich wieder etwas anders. Wir haben ewig nach einem Innenmaterial gesucht, das den Shopper richtig stehen lässt und gleichzeitig möglichst komplett upgecycelt ist.

Momentan verwenden wir dafür teilweise ein recyceltes Vinyl-Netz. Das kann man in den Shopper einspannen, sodass er schön steht und sich außerdem gut reinigen lässt. Es ist aber schwieriger zu verarbeiten und nicht immer komplett upgecycelt.

Es ist schon lustig, dass man drei Jahre an so einem vermeintlich einfachen Produkt herumtüfteln kann.

Was macht für dich den Reiz der unterschiedlichen Markisenstoffe aus?

Die Stoffe verändern sich ständig. Für mich sind die einzelnen Farben dadurch fast wie Limited Editions. Wenn du eine eigene Tasche willst, musst du einen Stoff nehmen, der dich wirklich vom Hocker haut. Und dann weißt du gleichzeitig: Den gibt es vielleicht später nicht mehr.

Manche Stoffe habe ich tatsächlich nur einmal gesehen. Und manchmal sehe ich auf der Straße in Zürich eine Tasche und denke: Wow, diese Farbe hatten wir auch mal.Das ist für mich auch eine Art Qualitätscheck. Wenn ich Produkte aus Stoffen sehe, die ich schon längst vergessen hatte, weiß ich gleichzeitig: Die Leute haben diese Taschen schon ziemlich lange.

Was möchtest du mit Attached in Zukunft noch ausprobieren?

Wir bleiben auf jeden Fall beim Upcycling.

An neuen Produkten arbeiten wir sowieso. Als Nächstes kommen wahrscheinlich kleine Gürtel mit Stoffresten, ein bisschen im Stil der 2000er. Und ein richtig cooler Weekender schwebt mir schon lange vor.

Eine Collab würde ich ebenfalls gerne machen. Wir hatten zum Beispiel schon eine Zusammenarbeit mit Alnatura. Dafür wurden ehemalige Werbeplakate von Alnatura zu einer Limited Edition verarbeitet, die an mehreren Standorten verkauft wurde. So etwas in der Art mit anderen Designer:innen, die unterschiedliche Upcycling-Materialien zusammenbringen, fände ich richtig cool. Und vielleicht findet sich ja bei BLICKFANG jemand, mit dem wir so etwas umsetzen können.

Und zum Schluss ganz persönlich: Welche Attached-Tasche begleitet dich selbst im Alltag am häufigsten?

Eigentlich das Laptop Case und der Crossbody. Ich bin lustigerweise eher ein Rucksacktyp, obwohl ich eine Taschenbrand habe. Aber ich fahre sehr viel Fahrrad in der Stadt und der Crossbody funktioniert dafür einfach am besten. Mein Laptop passt rein und viel mehr brauche ich eigentlich nicht.

Und obwohl ich die Möglichkeit hätte, habe ich tatsächlich nur zwei Taschen von Attached. Noch. Es kommt gerade eine richtig coole Farbe, da werde ich mir wahrscheinlich noch eine holen.

Wer mehr über die Geschichte hinter Attached erfahren und Alex Benz persönlich kennenlernen möchte, hat gleich zweimal die Gelegenheit dazu: Attached ist bei der BLICKFANG Wien vom 6. bis 8. November 2026 im MAK und bei der BLICKFANG Zürich vom 20. bis 22. November 2026 im Kongresshaus mit dabei. Vielleicht wartet vor Ort ja genau die Markisenfarbe auf dich, die es so nur einmal gibt.

Lust noch mehr Labels besser kennenzulernen? Dann schau jetzt in unserem Journal vorbei und lass dich inspirieren!

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